C. G. Jung über das Bewusste, Unbewusste und das Schicksal

C. G. Jung „Die Unvereinbarkeit der Gegensätze in der christlichen Psychologie beruht auf ihrer moralischen Betonung. Diese Betonung erscheint uns natürlich, obwohl sie historisch betrachtet ein Erbe des Alten Testaments mit seiner Herangehensweise an die Gerechtigkeit vor dem Gesetz ist.

Ein solcher Einfluss fehlt im Osten, in den philosophischen Religionen Indiens und Chinas, auffallend. Ohne die Frage zu erörtern, ob diese Verschärfung der Gegensätze, so sehr sie auch das Leid vergrößert, nicht letztlich einer höheren Wahrheit entspricht, möchte ich lediglich die Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass die gegenwärtige Weltsituation im Lichte der oben erwähnten psychologischen Regel betrachtet werden kann.

Die Menschheit ist heute wie nie zuvor in zwei scheinbar unvereinbare Hälften gespalten. Die psychologische Regel besagt, dass sich eine innere Situation, wenn sie nicht bewusst gemacht wird, im Außen manifestiert, als Schicksal. Das heißt, wenn das Individuum ungeteilt bleibt und sich seines inneren Gegensatzes nicht bewusst wird, muss die Welt zwangsläufig den Konflikt ausleben und in gegensätzliche Hälften zerrissen werden.“

C. G. Jung

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