[Zitat] Heinrich Heine über Kommunismus

Heinrich Heine über Kommunismus

XLV

Paris, 20. Juni 1842

„(…) Aber die Verwirrungen, Verwicklungen und momentanen Nöten, worin die Regierung infolge dieses Treibens geraten kann, geben den dunkeln Gewalten, die im verborgenen lauern, das Signal zum Losbruch, und wie immer erwartet die Revolution eine parlamentarische Initiative.
Das entsetzliche Rad käme dann wieder in Bewegung, und wir sähen diesmal einen Antagonisten auftreten, welcher der schrecklichste sein dürfte von allen, die bisher mit dem Bestehenden in die Schranken getreten. Dieser Antagonist bewahrt noch sein schreckliches Inkognito und residiert wie ein dürftiger Prätendent in jenem Erdgeschoß der offiziellen Gesellschaft, in jenen Katakomben, wo unter Tod und Verwesung das neue Leben keimt und knospet.

Kommunismus ist der geheime Name des furchtbaren Antagonisten, der die Proletarierherrschaft in allen ihren Konsequenzen dem heutigen Bourgeoisieregimente entgegensetzt. Es wird ein furchtbarer Zweikampf sein. Wie möchte er enden? Das wissen die Götter und Göttinnen, denen die Zukunft bekannt ist.
Nur soviel wissen wir: der Kommunismus, obgleich er jetzt wenig besprochen wird und in verborgenen Dachstuben auf seinem elenden Strohlager hinlungert, so ist er doch der düstre Held, dem eine große, wenn auch nur vorübergehende Rolle beschieden in der modernen Tragödie und der nur des Stichworts harrt, um auf die Bühne zu treten. Wir dürfen daher diesen Akteur nie aus den Augen verlieren, und wir wollen zuweilen von den geheimen Proben berichten, worin er sich zu seinem Debüt vorbereitet. Solche Hindeutungen sind vielleicht wichtiger als alle Mitteilungen über Wahlumtriebe, Parteihader und Kabinettsintrigen.“


XLVI

Paris, 12. Juli 1842

Das Resultat der Wahlen werden Sie aus den Zeitungen ersehen. Hier in Paris braucht man nicht erst die Blätter darüber zu konsultieren, es ist auf allen Gesichtern zu lesen.
Gestern sah es hier sehr schwül aus, und die Gemüter verrieten eine Aufregung, wie ich sie nur in großen Krisen bemerkt habe. Die alten wohlbekannten Sturmvögel rauschten wieder unsichtbar durch die Luft, und die schläfrigsten Köpfe wurden plötzlich aufgeweckt aus der zweijährigen Ruhe.
Ich gestehe, daß ich selbst, angeweht von dem furchtbaren Flügelschlag, ein gewaltiges Herzbeben empfand. Ich fürchte mich immer im ersten Anfang, wenn ich die Dämonen der Umwälzung entzügelt sehe; späterhin bin ich sehr gefaßt, und die tollsten Erscheinungen können mich weder beunruhigen noch überraschen, eben weil ich sie vorausgesehen.
Was wäre das Ende dieser Bewegung, wozu Paris wieder, wie immer, das Signal gegeben? Es wäre der Krieg, der gräßlichste Zerstörungskrieg, der leider die beiden edelsten Völker der Zivilisation in die Arena riefe zu beider Verderben; ich meine Deutschland und Frankreich. England, die große Wasserschlange, die immer in ihr ungeheures Wassernest zurückkriechen kann, und Rußland, das in seinen ungeheuren Föhren, Steppen und Eisgefilden ebenfalls die sichersten Verstecke hat, diese beiden können in einem gewöhnlichen politischen Kriege, selbst durch die entschiedensten Niederlagen, nicht ganz zugrunde gerichtet werden: – aber Deutschland ist in solchen Fällen weit schlimmer bedroht, und gar Frankreich könnte in der kläglichsten Weise seine politische Existenz einbüßen. Doch das wäre nur der erste Akt des großen Spektakelstücks, gleichsam das Vorspiel.

Der zweite Akt ist die europäische, die Weltrevolution, der große Zweikampf der Besitzlosen mit der Aristokratie des Besitzes, und da wird weder von Nationalität noch von Religion die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, nämlich die Erde, und nur einen Glauben, nämlich das Glück auf Erden.
Werden die religiösen Doktrinen der Vergangenheit in allen Landen sich zu einem verzweiflungsvollen Widerstand erheben, und wird etwa dieser Versuch den dritten Akt bilden? Wird gar die alte absolute Tradition nochmals auf die Bühne treten, aber in einem neuen Kostüm und mit neuen Stich- und Schlagwörtern? Wie würde dieses Schauspiel schließen? Ich weiß nicht, aber ich denke, daß man der großen Wasserschlange am Ende das Haupt zertreten und dem Bären des Nordens das Fell über die Ohren ziehen wird.
Es wird vielleicht alsdann nur einen Hirten und eine Herde geben, ein freier Hirt mit einem eisernen Hirtenstabe und eine gleichgeschorene, gleichblökende Menschenherde!
Wilde, düstere Zeiten dröhnen heran, und der Prophet, der eine neue Apokalypse schreiben wollte, müßte ganz neue Bestien erfinden, und zwar so erschreckliche, daß die älteren Johanneischen Tiersymbole dagegen nur sanfte Täubchen und Amoretten wären. Die Götter verhüllen ihr Antlitz aus Mitleid mit den Menschenkindern, ihren langjährigen Pfleglingen, und vielleicht zugleich auch aus Besorgnis über das eigene Schicksal. Die Zukunft riecht nach Juchten, nach Blut, nach Gottlosigkeit und nach sehr vielen Prügeln.

Ich rate unsern Enkeln, mit einer sehr dicken Rückenhaut zur Welt zu kommen.

Heinrich Heine

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[Zitat] Roberto Saviano (Ein mutiger Mann über Angst)

Was auch immer ich mir für mein Leben wünsche, Tatsache ist, ich habe Gomorrha* geschrieben, und ich zahle jeden Tag den Preis dafür. (…)

Ich werde oft gefragt, ob ich Angst habe, dass die Mafia mich umbringt. “Nein”, sage ich dann, und dabei belasse ich es. Mir ist klar, dass die meisten Leute mir nicht glauben werden, aber es ist tatsächlich wahr. Es ist wirklich so. Ich habe vor vielen Dingen Angst, aber nicht vor dem Sterben. Manchmal denke ich über den Schmerz nach, darüber, wie es wäre, schmerzhaft zu sterben. Aber im Großen und Ganzen denke ich, so überraschend es auch sein mag, nicht so oft ans Sterben.

Es gibt noch andere Dinge, die mir Angst machen. Mehr als vor dem Sterben habe ich Angst, dass mein Leben nie wieder normal wird. Ich habe mehr Angst davor, mein ganzes Leben so zu leben, als vor dem Sterben.

Es gibt noch eine andere Angst, die schlimmer ist als alles andere. Es ist die Angst, diskreditiert zu werden. Das ist jedem passiert, der jemals für seine Überzeugungen getötet wurde. Es ist jedem passiert, der Verbrechen gemeldet oder unbequeme Wahrheiten gesagt hat. So erging es auch Don Peppe Diana, dem Priester, der 1994 in Casal di Principe erschossen wurde, weil er gegen die Mafia gepredigt und gedroht hatte, Mitgliedern der Camorra die Sakramente zu verweigern. Nach seinem Tod wurde er einer Verleumdungskampagne ausgesetzt, die ihm unzüchtiges Verhalten und Verbindungen zur Camorra vorwarf. Federico Del Prete, der 2002 in Casal di Principe ermordete Gewerkschafter, wurde am Tag seiner Beerdigung mit falschen Anschuldigungen an den Pranger gestellt. Sie taten es mit Giovanni Falcone, dem 1992 von der Cosa Nostra ermordeten Anti-Mafia-Magistraten; sie taten es mit dem Journalisten Pippo Fava. Und irgendwie finden sie immer ein offenes Ohr, um die Toten schlecht zu reden. Kaum haben die Medien angefangen, über meinen Tod zu berichten, fangen die bösen Gerüchte an. Sobald ein Kind bei einer Schlägerei getötet oder ein Priester während der Messe erstochen wird, schwirren die Gerüchte wie Fliegen umher.
Und das Rad dreht sich weiter. Der Medienzirkus muss in Bewegung bleiben.

Ich werde nie vergessen, was der Ex-Ehemann der ermordeten russischen Enthüllungsjournalistin Anna Politkowskaja am Tag nach ihrem Tod sagte: “Es ist besser so: besser zu sterben als in Verruf zu geraten. Anna hätte das nicht ertragen können.” Man hat mir gesagt, dass sie geplant hatten, ihr eine Falle zu stellen. Nicht lange vor ihrer Ermordung versuchten sie, sie zu entführen. Der Plan war, sie unter Drogen zu setzen, pornografische Filme von ihr zu machen, sie um die Welt zu schicken und ihre Kampagne für Informationsfreiheit zu diskreditieren. Das ist es, was mich niederdrückt: die Angst, dass ich auf irgendeine Weise diskreditiert werde, dass es sich an mich heranschleicht und ich nicht in der Lage bin, mich oder mein Schreiben zu verteidigen. Ich habe das Gefühl, dass das schon passiert, dass die Leute, die sagen: “Er lügt, er plagiiert, er verleumdet uns”, am Ende wichtiger sind als meine eigenen Recherchen, meine eigenen Versuche, zu untersuchen, wie die Dinge funktionieren. Mir wird ständig vorgeworfen, dass ich versuche, mit der Mafia Geld zu verdienen, dass ich Neapel beleidige, dass ich mir etwas ausdenke. Das ist eine Art, das, was ich sage, leiser zu machen. “Wir wissen das alles, es wurde bereits darüber geschrieben”, ist eines der Dinge, die sie sagen. Wenn sie sagen würden: “Nichts davon ist wahr”, wüssten wir, dass sie nur Sprachrohre für die Mafia sind. Aber wenn sie sagen: “Wir haben das alles schon einmal gehört”, ist das eine subtilere Art, mich zu untergraben.
Ich werde nicht nur von der Camorra angegriffen, sondern auch von Teilen der Zivilgesellschaft und sogar von den Journalisten, die sich dafür schämen, dass sie sich nie gegen die Mafia geäußert haben und dass ihr Schweigen sie zu Komplizen gemacht hat.

Roberto Saviano

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[Zitat] Peter Boghossian über Parrhesia und soziale Gerechtigkeit

„Die alten Griechen hatten dafür ein Wort: „Parrhesia“.
Parrhesia bedeutet Offenheit, es bedeutet, die Wahrheit zu sagen. Es ist das Sprechen unter Risiko, wenn man von Feindseligkeit umgeben ist. Es bedeutet, offen zu sprechen, ohne Zweideutigkeit oder Verheimlichung. Parrhesia ist Kühnheit, es ist das Sprechen mit Aufrichtigkeit und nicht, weil man jemandem schmeicheln oder eine persönliche Belohnung ernten will. Parrhesia ist Offenheit. Es ist Offenheit, nicht Überredung. Man überredet niemanden mit Parrhesia. Im Angesicht der Gefahr die Wahrheit zu sagen, ist auch ein moralischer Akt. Man versucht, einen möglichen Fehler im Denken einer Person aufzuzeigen und ihn zu beheben.
Im Angesicht der Gefahr die Wahrheit zu sagen, ist eine Pflicht. Und oft ist es die einzige Möglichkeit, Probleme zu lösen und die Verbreitung gefährlicher Ideen zu verhindern.

Und genau das werde ich heute tun. Ich werde ganz direkt über die Komponente der Ideologie der sozialen Gerechtigkeit sprechen, die von vornherein darauf abzielt, Parrhesia zu zerstören und damit auch unsere Redefreiheit, unsere kognitive Freiheit und unsere Fähigkeit zu ehrlicher und offener Kommunikation.

Parrhesia ist der Feind der sozialen Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit ist der Feind von Parrhesia.

Die Ideologie der sozialen Gerechtigkeit zerstört mit absicht unsere Fähigkeit, direkt zu sein und moralisch unzeitgemäße Ansichten zu äußern.“

Peter Boghossian

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[Zitat] Søren Kierkegaard und wie die Welt untergehen wird

„In einem Theater brach hinter der Bühne ein Feuer aus. Der Clown kam heraus, um das Publikum zu warnen; sie hielten es für einen Scherz und applaudierten. Er wiederholte es und der Beifall war noch größer.
Ich glaube, genau so wird die Welt untergehen: unter allgemeinem Beifall von Menschen, die glauben, es sei ein Scherz.“

Søren Kierkegaard

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[Zitat] Peter Scholl-Latour über Afghanistan und Terrorgefahr

„Dass sie [die Amerikaner, Anmerk.], heute in Afghanistan nicht zurechtkommen, dafür gibt es Präzedenzfälle. Aber man muss heute mit Grauen auf die Perspektive schauen, dass eventuell der afghanische Konflikt auf Pakistan übergreift, auf 170 Millionen Menschen, die völlig, sagen wir, in einem Zustand religiösen Übereifers leben, in eine gewisse religiöse Hysterie jederzeit verfallen können; und die zudem über eine Atombombe verfügen. Daran gemessen ist der Schrecken der von Iran ausgeht und der immer wieder aufgebauscht wird, sehr oft, sehr viel geringer. Eine iranische Atombombe wäre sehr viel kontrollierter, als die Atombomben, die sich heute schon in Pakistan befinden.

(…) Die Gefahr geht ja nicht von den nuklearen Mächten aus, sondern, jeder Staat, selbst Nordkorea, ist nicht wahnsinnig genug, die selbstmörderische Aktion eines Atomkriegs auszulösen. Nein, die Gefahr bestände erst, wenn nukleares Material in die Hände von unverantwortlichen Banden, Kriminellen, ideologischen oder religiösen Charakters geraten würden. Dann wäre die wirkliche Terrorgefahr vorhanden, vor der wir hier bisher verschont geblieben sind.

(…) Wir sollten uns bewusst sein, auch psychologisch, dass Europa den kommenden Herausforderungen möglicherweise nicht gewachsen ist. Ich will am Ende noch einen Satz Zitieren, der sehr pessimistisch klingt, ein Satz von Paul Valéry, der sagte:

„Im Abgrund der Geschichte ist Platz für alle.“

Wir sollten darauf achten, dass das nicht auch eventuell für uns gilt.“

Peter Scholl-Latour

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Gustave Le Bon über drei Arten, Ideen zu implementieren

II. Die Wirkungsmittel der Führer: Behauptung, Wiederholung, Übertragung

Wenn es sich darum handelt, eine Masse für den Augenblick mitzureißen und sie zu bestimmen, irgend etwas zu tun, etwa einen Palast zu plündern, sich bei der Verteidigung eines befestigten Platzes oder einer Barrikade töten zu lassen, so muß man durch raschen Einfluß auf sie wirken. Der erfolgreichste ist das Beispiel. Doch ist dann notwendig, daß die Masse schon durch gewisse Umstände vorbereitet ist und besonders, daß der, der sie mitreißen will, die Eigenschaft besitzt,die ich später als Einfluß untersuchen werde.

Handelt es sich jedoch darum, der Massenseele Ideen und Glaubenssätze langsam einzuflößen, z. B. die modernen sozialen Lehren, so wenden die Führer verschiedene Verfahren an. Sie benutzen hauptsächlich drei bestimmte Arten:
die Behauptung, die Wiederholung und die Übertragung oder Ansteckung (contagion).

Ihre Wirkung ist ziemlich langsam, aber ihre Erfolge sind von Dauer.



Die reine, einfache Behauptung ohne Begründung und jeden Beweis ist ein sichres Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen. Je bestimmter eine Behauptung, je freier sie von Beweisen und Belegen ist, desto mehr Ehrfurcht erweckt sie. Die religiösen Schriften und die Gesetzbücher aller Zeiten haben sich stets einfacher Behauptungen bedient. Die Staatsmänner, die zur Durchführung einer politischen Angelegenheit berufen sind, die Industriellen, die ihre Erzeugnisse durch Anzeigen verbreiten, kennen den Wert der Behauptung. Die Behauptung hat aber nur dann wirklichen Einfluß, wenn sie ständig wiederholt wird, und zwar möglichst mit denselben Ausdrücken. Napoleon sagte, es gäbe nur eine einzige ernsthafte Redefigur: die Wiederholung.

Das Wiederholte befestigt sich so sehr in den Köpfen, daß es schließlich als eine bewiesene Wahrheit angenommen wird. Man versteht den Einfluß der Wiederholung auf die Massen gut, wenn man sieht, welche Macht sie über die aufgeklärtesten Köpfe hat. Das Wiederholte setzt sich schließlich in den tiefen Bereichen des Unbewußten fest, in denen die Ursachen unserer Handlungen verarbeitet werden. Nach einiger Zeit, wenn wir vergessen haben, wer der Urheber der wiederholten Behauptung ist, glauben wir schließlich daran. Daher die erstaunliche Wirkung der Anzeige. Haben wir hundertmal gelesen, die beste Schokolade sei die Schokolade X, so bilden wir uns ein, wir hätten es häufig gehört und glauben schließlich, es sei wirklich so. Tausend schriftliche Zeugnisse überreden uns so sehr, zu glauben, das Y-Pulver habe die bedeutendsten  Persönlichkeiten von den hartnäckigsten Krankheiten geheilt, daß wir uns am Ende, wenn wir selbst an einem derartigen Übel erkranken, versucht fühlen, es zu probieren.

Lesen wir täglich in derselben Zeitung, A sei ein ausgemachter Schuft und B ein Ehrenmann, so werden wir schließlich davon überzeugt, vorausgesetzt allerdings, daß wir nicht zu oft in einem andern Blatt die entgegengesetzte Meinung lesen, die die Eigenschaften der beiden miteinander vertauscht.


Behauptung und Wiederholung allein sind mächtig genug, um einander bekämpfen zu können.

Wenn eine Behauptung oft genug und einstimmig wiederholt wurde, wie das bei gewissen Finanzunternehmungen der Fall ist, die jede Konkurrenz aufkaufen, so bildet sich das, was man eine geistige Strömung (courant d’opinion) nennt, und der mächtige Mechanismus der Ansteckung kommt dazu.

Unter den Massen übertragen sich Ideen, Gefühle, Erregungen, Glaubenslehren mit ebenso starker Ansteckungskraft wie Mikroben. Diese Erscheinung beobachtet man auch bei Tieren, wenn sie in Scharen zusammen sind. Das Krippenbeißen eines Pferdes im Stall wird bald von den andern Pferden desselben Stalles nachgeahmt. Ein Schreck, die wirre Bewegung einiger Schafe greift bald auf die ganze Herde über. Die Übertragung der Gefühle erklärt die plötzlichen Paniken.

Gehirnstörungen, wie der Wahnsinn, verbreiten sich gleichfalls durch Übertragung.

Es ist bekannt, wie häufig der Irrsinn bei Psychiatern auftritt. Man berichtet sogar von Geisteskrankheiten, z. B. der Platzangst, die vom Menschen auf Tiere übertragen
werden.


Die Übertragung erfordert nicht die gleichzeitige Anwesenheit der Individuen an demselben Ort, sie kann auch aus der Entfernung unter dem Eindruck gewisser Ereignisse erfolgen, die alle Geister in dieselbe Richtung lenken und ihnen die besonderen Merkmale der Masse verleihen, besonders, wenn sie durch die früher erwähnten mittelbaren Faktoren vorbereitet sind. So hat z. B. der Revolutionsausbruch von 1848, der von Paris ausging, in jäher Weise auf einen großen Teil Europas übergegriffen und mehrere Monarchien erschüttert.

Die Nachahmung, der man so großen Einfluss auf die sozialen Erscheinungen zugeschrieben hat, ist in Wahrheit nur eine einfache Wirkung der Übertragung.

Seiten 117, 118, 119, 120

Die Ansteckung ist stark genug, den Menschen nicht nur gewisse Meinungen, sondern auch bestimmte Arten des Fühlens aufzuzwingen. Sie bewirkt die Mißachtung von Werken wie z. B. der Oper „Tannhäuser“ und macht einige Jahre später aus ihren ärgsten Verleumdern Bewunderer.

Seite 121

In Beispielen, analog den angeführten, geht die Übertragung, wenn sie sich in den Volksschichten ausgewirkt hat, in die höheren Gesellschaftsschichten über. Heutzutage sehen wir, daß die sozialistischen Lehren anfangen, auch die zu ergreifen, die vermutlich ihre ersten Opfer sein
werden. Vor der mechanischen Ansteckung tritt sogar der persönliche Vorteil zurück.

Seite 121

Gustave Le Bon

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[Zitat] Hannah Arendt zum Thema: Pressefreiheit

„In dem Moment, in dem wir keine freie Presse mehr haben, kann alles passieren. Was die Herrschaft einer totalitären oder einer anderen Diktatur ermöglicht, ist, dass die Menschen nicht informiert sind; wie kann man eine Meinung haben, wenn man nicht informiert ist? Wenn man ständig belogen wird, ist die Folge nicht, dass man die Lügen glaubt, sondern dass niemand mehr irgendetwas glaubt.
Denn es liegt in der Natur der Sache, dass Lügen geändert werden müssen, und eine lügende Regierung muss ihre eigene Geschichte ständig neu schreiben.
Auf der Empfängerseite steht nicht nur eine Lüge – eine Lüge, die man bis ans Ende seiner Tage fortsetzen könnte – sondern eine Vielzahl von Lügen, je nachdem, wie der politische Wind weht. Und ein Volk, das nichts mehr glauben kann, kann sich auch nicht mehr entscheiden. Es ist nicht nur seiner Handlungsfähigkeit beraubt, sondern auch seiner Denk- und Urteilsfähigkeit. Und mit einem solchen Volk kann man dann machen, was man will.“

Hannah Arendt

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[Zitat] Ayaan Hirsi Ali über Kultur und linksliberale Eliten

Ich sage freiheraus, was ich denke:
Die westliche Kultur mit ihrer Entdeckung der Freiheit ist allen anderen Kulturen überlegen, in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart. Sie hat es zustande gebracht, die Unterdrückung der Frau, den Feudalismus und das Stammesdenken zu überwinden. Sie hat gesellschaftliche Offenheit, politische Freiheit, technische Innovation und wirtschaftlichen Wohlstand geschaffen. Ich leugne nicht, dass andere Kulturen ebenfalls ihr Besonderes und Wertvolles haben – aber die Freiheit der westlichen Kultur ist für alle Menschen von unschätzbarem Wert. Das sage ich als gebürtige Somalierin. Und das hören die linksliberalen Eliten nicht gerne. (…)

Und diese Eliten leiden an kognitiver Dissonanz.
Sie haben ihr Narrativ, wonach die westliche Kultur bloss auf Unterdrückung, auf der Perpetuierung von Unterdrückern und Unterdrückten beruht. Und wenn dann plötzlich jemand aus einem echten Unrechtsstaat kommt, in dem Menschen systematisch unterdrückt werden, und ihnen sagt, dass sie falschlägen, wenn sie ihre eigene Kultur schlechtmachten und stattdessen fremde Kulturen idealisierten, nun ja, dann haben sie zwei Möglichkeiten. Entweder sie überdenken ihre Position. Oder sie diffamieren die Person, die solche unerhörten Dinge von sich gibt. Normalerweise tun diese Leute Letzteres – und machen die kognitive Dissonanz zum Dauerzustand.

Ayaan Hirsi Ali

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[Zitat] Helmut Schmidt über multikulturelle Gesellschaften

„Mit einer demokratischen Gesellschaft ist das Konzept von Multikulti schwer vereinbar. Vielleicht auf ganz lange Sicht. Aber wenn man fragt, wo denn multikulturelle Gesellschaften bislang funktioniert haben, kommt man sehr schnell zum Ergebnis, daß sie nur dort friedlich funktionieren, wo es einen starken Obrigkeitsstaat gibt. Insofern war es ein Fehler, daß wir zu Beginn der 60er Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen ins Land holten.“

Helmut Schmidt

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[Zitat] Richard Dawkins über einzigartige Gewöhnlichkeit

„Wir werden sterben, und deshalb sind wir die Glücklichen. Die meisten Menschen werden nie sterben, weil sie nie geboren werden. Die potenziellen Menschen, die an meiner Stelle hätten hier sein können, die aber tatsächlich nie das Licht der Welt erblicken werden, sind zahlreicher als die Sandkörner Arabiens. Sicherlich gibt es unter diesen ungeborenen Geistern größere Dichter als Keats, größere Wissenschaftler als Newton. Wir wissen das, weil die Menge der möglichen Menschen, die unsere DNA zulässt, die Menge der tatsächlichen Menschen so massiv übersteigt. Angesichts all dieser erstaunlichen Möglichkeiten, sind es Sie und ich, in unserer Gewöhnlichkeit, die hier stehen.“

Richard Dawkins

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[Zitat] Steven Pinker über Meinungsfreiheit

„Ich denke, es ist ein enttäuschender und trauriger Beitrag, dass die freie Meinungsäußerung jetzt den Status eines rechten Themas bekommen hat. Warum sollte das so sein? Es gibt dafür keine Festlegung, es ist einfach die freie Rede, egal ob sie von rechts oder von links kommt. Aber Leute, die eine gewisse Redefreiheit verteidigen, werden deshalb als Rechte gebrandmarkt. Deshalb denke ich, dass, wenn Sie es richtig identifizieren, es eine ironische Intoleranz ist.

Ich beziehe mich manchmal auf den mythischen Ort namens “linker Pol”. Wenn man genau am Nordpol ist, sind alle Richtungen südlich. Der “linke Pol” ist ein mythischer Ort, von dem aus alle Richtungen “rechts” sind. So wird jede Meinung, die nicht mit dieser Orthodoxie übereinstimmt, als rechts gebrandmarkt, auch Leute, die keineswegs Ideologen jeglicher Art sind, einschließlich rechter Ideologen.“

Steven Pinker

 

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[Zitat] Christopher Hitchens über den politischen Islam

„(…) Es gibt Madrasahs in einem Umkreis von 50 Meilen von dort, wo ich wohne, in Washington, in Virginia. Die von den Saudis bezahlten Schulen, predigen gewalttätigen Antisemitismus, den Hass auf die schiitischen Muslime, – denken Sie daran und vergessen Sie nie, sie hassen auch andere Muslime, – auf Hindus, auf Christen und Kreuzfahrer, dann natürlich auf Atheisten. (…)
Machen Sie sich keine Sorgen, es wird auch zu einem Ort in Ihrer Nähe kommen.

Die Korane, die in unserem Gefängnissystem an muslimische Gefangene von muslimischen Geistlichen ausgegeben werden, die von Saudi-Arabien bezahlt werden, sind Korane, die nach der wahhabitischen Lesart geschrieben wurden. Es sind keine gewöhnlichen Korane; es sind die Korane, die die Wahhabiten lesen wollen und die direkte Aufwiegelung enthalten.
Sie werden mit Steuergeldern im Gefängnissystem verteilt, wo sich dann Milizen bilden. Als Nächstes werden Sie solche Milizen mit eigenen Geistlichen innerhalb der Streitkräfte der Vereinigten Staaten haben. Sind Sie dafür bereit? Sind Sie bereit, wahhabitische Prediger in den U.S.-Streitkräften zu haben?

Sie sollten sich besser darauf vorbereiten, es sei denn, Sie vertreten die Ansicht von James Madison, dass es in den US-Streitkräften oder im Gefängnissystem überhaupt keine Seelsorger geben sollte. Die Leute wollen beten und man kann sie nicht daran hindern. Aber wir können keine staatlich subventionierten Gebete haben. Wir können keine staatlich subventionierten Gottesdienste oder Seelsorger haben.

Geben Sie es auf, oder überlassen Sie es Ihrem ärgsten Feind und bezahlen Sie für den Strick, an dem Sie ersticken werden.

Das ist eine sehr dringende Angelegenheit, meine Damen und Herren, ich beschwöre Sie: Wehren Sie sich dagegen, solange Sie noch können und bevor man Ihnen das Recht nimmt, sich zu beschweren, was das Nächste sein wird. Man wird Ihnen sagen, Sie können sich nicht beschweren – weil Sie islamophob seien. Der Begriff wird bereits in die Kultur eingeführt, als ob es ein Vorwurf des Rassenhasses oder der Bigotterie wäre, während es nur der Einwand gegen die Predigten einer sehr extremen und absolutistischen Religion ist.

Achten Sie auf diese Symptome… Es sind nicht die Symptome einer Kapitulation.
Sehr oft wird Ihnen die Ökumene von Männern Gottes in anderen Gewändern angeboten, christlichen und Jüdischen und Schmierigen, das sind diejenigen, die den Barbaren die Tore aufhalten.

Die Barbaren haben nie eine Stadt eingenommen, bis ihnen jemand die Tore aufhielt. Und es sind Ihre eigenen Priester, die es für Sie erledigen werden, und Ihre eigenen multikulturellen Autoritäten, die es für Sie übernehmen werden.
Wehren Sie sich. Wehren Sie sich, solange Sie es können.“

Christopher Hitchens

 

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[Zitat] Douglas Murray über Europa als Heimat

„Europa begeht Selbstmord.
Oder zumindest haben seine Führer beschlossen, Selbstmord zu begehen. Ob das europäische Volk dabei mitmachen will, ist natürlich eine andere Sache.

Wenn ich sage, dass Europa dabei ist, sich selbst umzubringen, dann meine ich damit nicht, dass die Last der Regulierung durch die Europäische Kommission zu erdrückend geworden ist oder dass die Europäische Menschenrechtskonvention nicht genug getan hat, um die Forderungen einer bestimmten Gemeinschaft zu erfüllen. Ich meine, dass die Zivilisation, die wir als Europa kennen, dabei ist, Selbstmord zu begehen, und dass weder Großbritannien noch irgendein anderes westeuropäisches Land diesem Schicksal entgehen kann, weil wir alle unter den gleichen Symptomen und Krankheiten zu leiden scheinen. Infolgedessen wird Europa am Ende der Lebensspanne der meisten derzeit lebenden Menschen nicht mehr Europa sein und die Völker Europas werden den einzigen Ort auf der Welt verloren haben, den wir Heimat nennen konnten.

Man mag darauf hinweisen, dass die Verkündigung des Untergangs Europas ein fester Bestandteil unserer Geschichte war und dass Europa ohne regelmäßige Vorhersagen unserer Sterblichkeit nicht Europa wäre. Doch einige waren überzeugender im Hinblick auf den Zeitpunkt als andere. In »Die Welt von Gestern«, erstmals 1942 veröffentlicht, schrieb Stefan Zweig über seinen Kontinent in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg:
»Ich fühlte, dass Europa in seinem Zustand der Umnachtung sein eigenes Todesurteil gefällt hatte – unsere heilige Heimat Europa, sowohl die Wiege als auch der Parthenon der westlichen Zivilisation«.
Eines der wenigen Dinge, die Zweig schon damals Hoffnung gaben, war, dass er in den Ländern Südamerikas, in die er schließlich geflohen war, Ableger seiner eigenen Kultur sah. In Argentinien und Brasilien erlebte er, wie eine Kultur von einem Land ins andere auswandern kann, sodass sie, auch wenn der Baum, der der Kultur das Leben gab, abgestorben ist, »neue Blüten und neue Früchte« hervorbringen kann. Selbst wenn sich Europa in diesem Moment völlig zerstört hätte, empfand Zweig den Trost, dass »das, was Generationen vor uns getan hatten, nie ganz verloren war«.“

Douglas Murray

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[Zitat] Dostojewski – Der Traum eines lächerlichen Mannes

„Ich bin ein lächerlicher Mann. Man nennt mich jetzt einen Wahnsinnigen. Das wäre ein deutlicher Anstieg meiner gesellschaftlichen Stellung, wenn sie mich nicht immer noch für so lächerlich hielten wie früher. Aber das macht mich nicht mehr wütend. Sie sind mir jetzt alle lieb, auch wenn sie über mich lachen – ja, selbst dann sind sie mir aus irgendeinem Grund besonders lieb. Es hätte mir nichts ausgemacht, mit ihnen zu lachen – natürlich nicht über mich, sondern weil ich sie liebe -, wenn ich nicht so traurig wäre, wenn ich sie ansehe. Ich bin traurig, weil sie die Wahrheit nicht kennen, während ich sie kenne. Oh, wie schwer ist es, der einzige Mensch zu sein, der die Wahrheit kennt! Aber das werden sie nicht verstehen. Nein, sie werden es nicht verstehen.“

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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[Zitat] Thomas Sowell über den Preis für falsche Ideen

„Es ist schwer, sich eine dümmere oder gefährlichere Art vorzustellen, Entscheidungen zu treffen, als die Entscheidungen in die Hände von Menschen zu legen, die keinen Preis dafür zahlen, wenn sie falsch liegen. Die Besserwisser im Schulsystem verlieren nicht einen Cent oder eine Stunde Schlaf, wenn sich ihre glänzenden Ideen als völlig falsch oder sogar katastrophal für das Kind herausstellen. Es sind die Eltern und Kinder, die den Preis dafür zahlen.“

Thomas Sowell

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[Zitat] Otto Stammer über Agitation und Propaganda

„Die wissenschaftliche Analyse des Aufbaus und der gesellschaftspolitischen Praxis kommunistischer Machtgebilde hat den Nachweis erbracht, dass totalitäre Herrschaftssysteme auf die Dauer ohne das Einverständnis der Parteigänger und der Massen mit den Zielsetzungen und Methoden der politischen Führung nur schwer bestehen können.
Die Mittel der freien Demokratie, eine Zustimmung der verschiedenen Gruppen des Volks zur Politik einer Mehrheitsregierung durch freie Meinungsbildung auf dem Wege echter Gruppenkonkurrenz zu erreichen, stehen der kommunistischen Herrschaft ihrem Wesen nach nicht zur Verfügung.

Sie ist vielmehr darauf angewiesen, die Meinungsbildung und das soziale Verhalten ihrer Anhänger und der breiten Volksmassen mit propagandistischen Mitteln fortwährend zu beeinflussen, um eine Übereinstimmung mit den ideologischen Konzeptionen und dem politischen Handeln der Partei- und Staatsführung herbeizuführen.

Agitation und Propaganda in der ihnen von kommunistischer Seite unterlegten Bedeutung sind daher wichtige Strukturelemente des bolschewistischen Herrschaftssystems. Mit ihrer Hilfe hofft die politische Führung, Mittel in der Hand zu halten, die sie instand setzen, nicht nur Meinungen zu bilden und Gegenmeinungen zu unterdrücken, sondern mit Hilfe von Partei- und Massenorganisationen schließlich zu einer Umformung des Menschen und der Gesellschaft zu gelangen.“

Otto Stammer

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[Zitat] Alexander Solschenizyn über den Krieg

„Zu keiner Zeit ist die Welt ohne Krieg gewesen.
Nicht in sieben oder zehn oder zwanzigtausend Jahren. Weder die weisesten Führer, noch die edelsten Könige, noch die Kirche – keiner von ihnen war in der Lage, ihn zu verhindern. Und erliegen Sie nicht dem oberflächlichen Glauben, dass Kriege durch hitzköpfige Sozialisten gestoppt werden können.

Oder dass vernünftige und gerechte Kriege aus dem Rest aussortiert werden können. Es wird immer Abertausende geben, für die auch ein solcher Krieg sinnlos und ungerechtfertigt sein wird. Ganz einfach, kein Staat kann ohne Krieg leben, das ist eine der wesentlichen Funktionen des Staates. …

Der Krieg ist der Preis, den wir für das Leben in einem Staat zahlen. Bevor man den Krieg abschaffen kann, muss man alle Staaten abschaffen. Aber das ist undenkbar, solange die Neigung zur Gewalt und zum Bösen nicht aus den Menschen ausgerottet ist. Der Staat wurde geschaffen, um uns vor dem Bösen zu schützen. Im gewöhnlichen Leben bewegen sich tausende von schlechten Impulsen, aus tausend Brennpunkten des Bösen, chaotisch, willkürlich, gegen die Schwachen. Der Staat ist dazu berufen, diese Impulse einzudämmen – aber er erzeugt selbst andere, noch mächtigere und diesmal in eine Richtung gerichtete. Zuweilen wirft er sie alle in eine einzige Richtung – und das ist der Krieg.“

Alexander Solschenizyn

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[Zitat] Martin Luther King Jr. über geistigen und moralischen Rückstand

Heute Abend möchte ich diese erhabene und historische Plattform nutzen, um über das zu sprechen, was mir als das dringendste Problem erscheint, mit dem die Menschheit heute konfrontiert ist. Der moderne Mensch hat diese ganze Welt an eine ehrfurchtgebietende Schwelle der Zukunft gebracht. Er hat neue und erstaunliche Gipfel des wissenschaftlichen Erfolgs erreicht. Er hat Maschinen hervorgebracht, die denken, und Instrumente, die in die unergründlichen Weiten des interstellaren Raums blicken. Er hat gigantische Brücken gebaut, die die Meere überspannen, und gigantische Gebäude, die den Himmel küssen. Seine Flugzeuge und Raumschiffe haben die Entfernungen in den Schatten gestellt, die Zeit in Ketten gelegt und Autobahnen durch die Stratosphäre gemeißelt. Dies ist ein schillerndes Bild des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts des modernen Menschen.

Doch trotz dieser spektakulären Fortschritte in Wissenschaft und Technik und der noch unbegrenzten, die noch kommen werden, fehlt etwas Grundlegendes. Es gibt eine Art Armut des Geistes, die in krassem Gegensatz zu unserem wissenschaftlichen und technologischen Reichtum steht. Je reicher wir materiell geworden sind, desto ärmer sind wir moralisch und geistig geworden. Wir haben gelernt, in der Luft zu fliegen wie die Vögel und im Meer zu schwimmen wie die Fische, aber wir haben nicht die einfache Kunst gelernt, als Brüder zusammenzuleben.

Jeder Mensch lebt in zwei Bereichen, dem inneren und dem äußeren. Das Innere ist das Reich der geistigen Ziele, die sich in Kunst, Literatur, Moral und Religion ausdrücken. Das Äußere ist der Komplex von Geräten, Techniken, Mechanismen und Instrumenten, mit deren Hilfe wir leben. Unser Problem heute ist, dass wir zugelassen haben, dass sich das Innere im Äußeren verliert. Wir haben zugelassen, dass die Mittel, mit denen wir leben, die Ziele, für die wir leben, überholen. So vieles im modernen Leben lässt sich in dem fesselnden Diktum des Dichters [Henry David] Thoreau zusammenfassen: “Verbesserte Mittel für einen unverbesserlichen Zweck”. Dies ist das ernste Dilemma, das tiefe und quälende Problem, mit dem der moderne Mensch konfrontiert ist. Wenn wir heute überleben wollen, muss unser moralischer und geistiger “Rückstand” beseitigt werden. Vergrößerte materielle Kräfte bedeuten vergrößerte Gefahr, wenn es kein entsprechendes Wachstum der Seele gibt. Wenn das “Äußere” der menschlichen Natur das “Innere” unterdrückt, beginnen sich dunkle Gewitterwolken in der Welt zu bilden.

Dieses Problem des geistigen und moralischen Rückstands, das das Hauptdilemma des modernen Menschen darstellt, drückt sich in drei größeren Problemen aus, die aus dem ethischen Infantilismus des Menschen erwachsen. Jedes dieser Probleme, obwohl es separat und isoliert zu sein scheint, ist untrennbar mit dem anderen verbunden. Ich beziehe mich auf Rassenungerechtigkeit, Armut und Krieg.

Martin Luther King Jr.

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