Intellektuelle im Fernsehen

„Kein Wunder, dass die führenden Intellektuellen, so es sie noch gibt im Land, im Fernsehen kaum zu sehen sind. Ohnehin selten talkshowtauglich, möchten sie nicht gern unter ihrem Niveau Schlagworte produzieren. Ausführliche Gespräche mit Schriftstellern und Wissenschaftlern sind eine Rarität. Das Nachtstudio im ZDF etwa, der einzige Kulturtalk im Hauptprogramm, wurde ersatzlos eingestellt. Das Fernsehen findet nicht mehr heraus aus der Teichwirtschaft der Talkshowkultur, in der das Dogma gilt, dass kein Satz die Masse der Zuschauer überfordern darf. Inzwischen ist der Ruf des Fernsehens so weit ruiniert, dass es mancher gute Kopf als rufschädigend empfände, in einer Talkshow aufzutreten. So kommt es, dass Zuschauer die späte Showkanone Hellmuth Karasek für einen bedeutenden Intellektuellen halten. Sie kennen keinen anderen mehr. Und umgekehrt fällt auf, dass so gut wie kein TV-Journalist mehr zu den angesehensten Intellektuellen des Landes zählt. Das war nicht immer so.

Vor die Kamera drängen Intellektuellendarsteller, Schaumschläger, Patentschwätzer, bei denen der Anzug oft besser sitzt als die Gedanken. Aus guten Gründen gelten Intellektuelle nicht mehr a priori als moralische Autoritäten. Dass sie in der Erregungs- und Unterhaltungsdemokratie keine große Rolle mehr spielen, hat aber andere Gründe. Weder die Schnellfeuerkommentierung der Ereignisse noch die Anpassung an das vorherrschende Gefühl des Publikums sind ihre Sache. So haben sich die intellektuellen Milieus längst zu Recht vom Fernsehen abgewandt, sieht man von wenigen Sendungen in 3sat oder ARD Alpha ab. Das gedruckte Feuilleton wiederum interessiert sich im Zweifel eher fürs Dschungelcamp als für Kultur- oder politischen Journalismus im Fernsehen.“

Wolfgang Herles

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