Medienkompetenz – Wiederholungen (Update)

Medienkompetenz – Wahrheit durch Wiederholung (Update)

In dem Beitrag Medienkompetenz – Wiederholungen und Wahrheitseffekt wurde ausführlich beschrieben, dass: „Versuchspersonen nur durch das Zuhören und ohne eigenes aktives Handel ein neues Wort lernen konnten. Dazu wurde ihnen in einem Zeitrahmen von 14 Minuten ein Wort 160 mal wiederholt vorgespielt. Die Neurowissenschaftler konnten anschließend durch einen Scan des Gehirns nachweisen, dass sich neue Verbindungen im Gehirn entwickelt hatten, die dem neuen Wort zugeschrieben werden konnten und die sich in ihrer Struktur nicht von anderen Worten unterscheiden ließen, die von den Versuchspersonen zum Beispiel in ihrer Kindheit gelernt wurden.“ (Yury Shtyrov et al. 2010)

  • In diesem Beitrag ein Update dazu, dass ein vergleichbarer Effekt auch mit Bildern funktioniert (Gomez et al. 2019)
  • Und am Ende noch ein kurzer Vortrag [Video] über „sich wiederholende Pattern“ in der Popmusik von Colin Morris. (Off Topic)

Wenn wir Gebäude, Bäume, Berge oder Gesichter ansehen, wird der Reiz im visuellen Cortex unseres Gehirns verarbeitet. Je nachdem, was wir betrachten, werden unterschiedliche Regionen im Gehirn angesprochen und aktiviert. Dies kann durch bildgebende Verfahren, wie zum Beispiel dem PET (Positronen-Emissions-Tomographie) [1] nachgewiesen werden. Die Regionen für Wörter- oder Gesichtserkennung sind bei den meisten Personen an nahezu der gleichen Stelle im Gehirn aktiv.

Update 1. Pokémon

 

Der visuelle Cortex (auch Sehrinde) ist derjenige Teil der Großhirnrinde, der zum visuellen System zählt, welches wiederum die visuelle Wahrnehmung ermöglicht.

https://de.wikipedia.org/wiki/Visueller_Cortex

Durch intensives betrachten von Bildern im Kindesalter kann eine eigene Kategorieregion im Gehirn erzeugt werden, die noch im Erwachsenenalter nachweisbar ist. Das konnten Jesse Gomez, Michael Barnett und Kalanit Grill-Spector in einer Studie an der Stanford University belegen.(doi 10.1038/s41562-019-0592-8)

Als Kind spielte Jesse Gomez das Spiel Pokémon Red and Blue auf dem Nintendo Game Boy. Dabei verbrachte er sehr viel Zeit damit, die Figuren zu betrachten. Jesse Gomez untersuchte mit seinen Kollegen insgesamt elf Personen, die dieses Spiel intensiv in ihrer Kindheit gespielt hatten. Sie zeigten den Versuchspersonen Bilder von u.a. Gesichtern und Pokémon Figuren und verglichen die gesammelten Daten der Computertomografen mit Ergebnissen von Personen, die in ihrer Kindheit dieses Spiel nicht gespielt hatten.


Gomez und seine Kollegen stellten fest, dass sich im visuellen Kortex (im ventralen Zeitbereich) der Pokémon-Experten ein diskreter Bereich befand, der beim Betrachten der Pokémon-Charaktere am aktivsten war. In einer Kontrollgruppe von Nichtspielern gab es keine solche Region. 

Andere Arbeiten haben herausgefunden, dass das Gehirn von Menschen, die Experten für das Erkennen eines Objekttyps (wie Autos) als Erwachsener werden, auf diese Objekte anders reagiert als das Gehirn von Anfängern. Diese Unterschiede liegen jedoch nicht im visuellen Kortex. Sie befinden sich häufiger im präfrontalen Kortex, der eher für Aufmerksamkeit und Entscheidungsfindung als für die grundlegende visuelle Verarbeitung zuständig ist. (…)

Gomez und seine Kollegen stellten auch fest, dass die „Pokemon-Region“ – wie bei Gesichts- oder Textverarbeitungsregionen – einen ähnlichen Standort in allen Köpfen der Experten hatte. Sie glauben, dass die physische Größe des Bildes eines Objekts auf der Netzhaut wichtig ist, um zu bestimmen, wo sich im Gehirn die Kategorieregion bildet. Die Bildgröße einer Pokémon-Figur, die von Kindern auf einem alten Game Boy-Bildschirm angezeigt wird, ist durchweg kleiner als die eines Menschen – und beispielsweise viel kleiner als die einer Landschaft -, was sich nachhaltig auf die Art und Weise auswirken könnte, wie visuelle Darstellungen aussehen Im erwachsenen Gehirn gehandhabt, denken die Forscher.

Emma Young  |  


„Extensive childhood experience with Pokémon suggests eccentricity drives organization of visual cortex“

„Abschließend beleuchten diese Ergebnisse die Plastizität des menschlichen Gehirns und wie Erfahrungen in jungen Jahren kortikale Darstellungen verändern können. Eine faszinierende Schlussfolgerung unserer Studie ist, dass eine gemeinsame umfangreiche visuelle Erfahrung in der Kindheit zu einer gemeinsamen Darstellung mit einer konsistenten funktionalen Topografie im Gehirn von Erwachsenen führt.

Dies deutet darauf hin, dass die Art und Weise, wie wir einen Gegenstand betrachten und die Qualität, mit der wir ihn in der Kindheit sehen, die Art und Weise beeinflusst, wie visuelle Darstellungen im Gehirn geformt werden. Unsere Daten eröffnen die Möglichkeit, dass, wenn Menschen keine gemeinsamen visuellen Erfahrungen mit einem Stimulus in der Kindheit teilen, entweder durch Krankheiten, wie im Falle von Katarakt [Red. Anmerkung: Grauer Star, Augenerkrankung], oder durch kulturelle Unterschiede in den Sehgewohnheiten, dann kann eine atypische oder einzigartige Darstellung dieses Stimulus zum Erwachsenwerden führen, was wichtige Auswirkungen auf Lernstörungen und soziale Beeinträchtigungen hat.“

Gomez et al. 2019 / PDF Seite 9/10


Update 2. (Off Topic)

Colin Morris„Pop Music is Stuck on Repeat“ (TEDxPenn)

 

 

Das menschliche Gehirn arbeitet in Kategorien (Kategorisierung) und darum mögen wir verschiedene Muster. Eine negative Bezeichnung dafür ist das „Schubladendenken“. Wir verstehen zum Beispiel komplexe Zahlen und Statistiken besser, wenn wir sie in einer Grafik sehen. Unser Gehirn verbraucht weniger Energie und ist schneller, wenn es vorgefertigte Kategorien verarbeiten kann. Das kann natürlich immer auch eine Fehlerquelle sein.


Colin Morris hat 15.000 Songs untersucht, die von 1958 bis 2017 in den Top 100 Charts waren.In seinem Vortrag „Pop Music is Stuck on Repeat“ (TEDxPenn) zeigt er auf, dass die Tendenz der Wiederholungen in der Popmusik immer weiter ansteigt. Daft Punk’s „Around the World“ besteht zu 98% aus Wiederholungen, aber ist es ein schlechter Song?

Die Songs, die die Top 10 erreichten (gelbe Linie), waren im Durchschnitt in jedem Jahr von 1960 bis 2015 repetitiver als der Rest (Blaue Linie, Top 100). Sie waren also wirtschaftlich betrachtet erfolgreicher.

(Grafik: Colin Morris/pudding.cool, 2017)

(Grafik: Colin Morris/pudding.cool, 2017)


Ich kann einen Besuch auf der Internetseite sehr Empfehlen. Dort finden sich interaktive Grafiken mit vielen Daten zu verschiedenen Künstlern und Songs.

https://pudding.cool/2017/05/song-repetition/


Quellennachweise:

 

Wer, wie, was: Die Verarbeitung von visuellen Informationen

https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/sehen/wer-wie-was-die-verarbeitung-von-visuellen-informationen


Visuelle Informationsverarbeitung im Gehirn
Karl R. Gegenfurtner, Sebastian Walter und Doris I. Braun

http://www.allpsych.uni-giessen.de/karl/teach/aka.htm


bildgebende Verfahren

https://www.dasgehirn.info/suche?text=Funktionelle%20Magnetresonanztomographie

https://www.dasgehirn.info/suche?text=Positronen-Emissions-Tomographie


Extensive childhood experience with Pokémon suggests eccentricity drives organization of visual cortex

Jesse Gomez, Michael Barnett & Kalanit Grill-Spector

https://www.nature.com/articles/s41562-019-0592-8


Adults Who Played Pokémon Extensively In Childhood Have A Pokémon-Sensitive Region In Their Visual Cortex

Emma Young  |  

Adults Who Played Pokémon Extensively In Childhood Have A Pokémon-Sensitive Region In Their Visual Cortex


https://de.wikipedia.org/wiki/Visueller_Cortex

https://de.wikipedia.org/wiki/Katarakt_(Medizin)

https://www.deepl.com

https://pudding.cool/2017/05/song-repetition/


 

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