Wie Robert Habeck der wichtigste Politiker wurde

Wie Robert Habeck der wichtigste Politiker wurde


Alle lieben Robert.

Es ist eine schöne neue Welt. Alain de Botton bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, die Medien würden es „… vertuschen, dass sie nicht nur über die Welt berichten, sondern vielmehr ständig damit zugange sind, in unseren Köpfen einen neuen Planeten zu erschaffen, der unverkennbar zu ihren eigenen Prioritäten passt“.

Ich habe schon häufiger beschrieben, dass die Darstellung einer Nachricht wichtiger geworden ist, als der Inhalt der Nachricht (Framing). Im März 2019 brachte das ZDF die „sensationelle“ Meldung (Bild), dass Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) der wichtigste Politiker in Deutschland sei. Andere Medien (Multiplikatoren) haben die Meldung des ZDF-Politbarometers abgeschrieben und weiter verbreitet, also die Anzahl der Empfänger vergrößert.

Bei einem zweiten Blick entpuppt sich diese Meldung als eine „Ente“, oder wie man inzwischen so schön sagt, als „Fake News“. Das ZDF als Konstrukteur einer alternativen Realität, vor der Alain de Botton uns warnt.

In diesem Artikel die zwei Gründe, warum Robert Habeck nicht der wichtigste Politiker in Deutschland ist.

Wie Robert Habeck der wichtigste Politiker wurde.


Frage:
Wie wurde Robert Habeck zum wichtigsten Politiker in Deutschland?
Antwort: Er wurde es nicht.

Das ZDF hat es so dargestellt, als sei es das Ergebnis einer Umfrage, dass Robert Habeck der wichtigste Politiker in Deutschland sei. So ist es auch auf dem Bild (Screenshot) zu lesen: Bewertung der zehn wichtigsten Politiker. 

Screenshot 1. zdf.de (28.03.2019)
Quelle:  ZDF  |  28.03.2019  |  Bewertung der zehn wichtigsten Politiker  |  Seite 7/34

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/sonntagsfrage-union-und-spd-verschlechtern-sich-100.html


Aber die Frage war eine Andere. Die Journalisten des ZDF haben vermutlich aus Versehen und nur zufällig zum Vorteil von Robert Habeck, die Relevanz mit der Sympathie verwechselt. Die befragten Personen wurden nach der Sympathie und Leistung gefragt, nicht nach der Relevanz der Politiker. Eine Verzerrung der Wirklichkeit.


Am 28.03.2019 formulierte das ZDF den Text auf ihrer Internetseite wie folgt:

Die Liste der zehn wichtigsten Politikerinnen und Politiker wurde Anfang März von den Befragten neu zusammengestellt. Wieder dabei sind Heiko Maas und Markus Söder, Wolfgang Schäuble und Friedrich Merz sind nicht mehr im Ranking vertreten. Die beste Bewertung auf der Skala von +5 bis -5 erhält erstmals Robert Habeck mit einem verbesserten Durchschnittswert von 1,4 (Mrz.I: 1,2).

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/sonntagsfrage-union-und-spd-verschlechtern-sich-100.html


DER SPIEGEL schrieb am 28.03.2019 eine Anmerkung zu einem Artikel über das Thema und stellte fest (siehe URL des Artikels):

Anmerkung: In einer früheren Fassung schrieben wir, Habeck sei nach der “Politbarometer”-Umfrage der wichtigste Politiker. In der Umfrage werden zwar die zehn wichtigsten Politiker dargestellt, diese dann aber nach Sympathie gerankt, nicht nach Wichtigkeit. Demnach wäre Habeck der beliebteste unter den zehn wichtigsten Politikern, aber nicht der wichtigste Politiker.

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/robert-habeck-laut-politbarometer-wichtigster-politiker-in-deutschland-a-1260077.html


Am 06.06.2019 war der Inhalt des Textes auf der ZDF-Internetseite dann ein anderer, aber die Überschrift Bewertung der zehn wichtigsten Politiker ist identisch geblieben:

Neu zu den zehn wichtigsten Politikerinnen und Politikern zählt nach Meinung der Befragten Jens Spahn, nicht mehr dabei ist Sahra Wagenknecht. Bei der Beurteilung nach Sympathie und Leistung auf der Skala von +5 bis -5 liegt jetzt Robert Habeck auf Platz eins mit einem Durchschnittswert von 1,3 (Mai: 1,1).

https://www.zdf.de/politik/politbarometer/gruene-legen-stark-zu-spd-und-union-verlieren-100.html


Screenshot 2. zdf.de (06.06.2019)
Quelle:  ZDF  |  06.06.2019  |  Bewertung der zehn wichtigsten Politiker  |  Seite 2/38

https://www.zdf.de/politik/politbarometer/gruene-legen-stark-zu-spd-und-union-verlieren-100.html


Wie wurde Robert Habeck der beliebteste Politiker Deutschlands?


Frage:
  Wie wurde Robert Habeck der beliebteste Politiker Deutschlands?
Antwort:  Er wurde es nicht.


Aus einem Artikel von Cordula Meyer im SPIEGEL (Nr. 15/2019) geht hervor, dass Robert Habeck auch nicht der beliebteste Politiker Deutschlands geworden ist.

Alle Teilnehmer der Befragung, die Robert Habeck nicht kannten, wurden einfach aus der Wertung genommen. Aber das ZDF hält diese selektive Auswahl der Meinungen dennoch für repräsentativ, so schreiben sie es auf ihrer Internetseite, denn jeder hatte die gleiche Chance, befragt zu werden. Nur leider nicht die gleiche Chance auch in der Wertung berücksichtigt zu werden (Schildbürger).
Mehr als die Hälfte (51%) kannte den Politiker nicht, aber er wurde der wichtigste beliebteste Politiker Deutschlands. Kein Wort von der Selektion. Nur durch das zurecht Rechnen der Statistik ist die Behauptung des ZDF keine Lüge.
Es ist ein manipuliertes Bild der Wahlberechtigten.


Repräsentativ durch Chancengleichheit

Umfragen sind repräsentativ, wenn jeder Wahlberechtigte die gleiche Chance hat, befragt zu werden. Damit auch Wahlberechtigte erfasst werden können, die nicht in einem Telefonverzeichnis eingetragen sind, werden die Nummern von der Forschungsgruppe Wahlen zufällig generiert. Bei einem Haushaltsanschluss wird derjenige befragt, der zuletzt Geburtstag hatte. Auch Mobilfunknummern werden bei der Auswahl berücksichtigt. Aufgrund des strengen Zufallsverfahrens sind die Ergebnisse repräsentativ für alle Wahlberechtigten.

Ergebnisse von Zufallsstichproben sind Wahrscheinlichkeitsaussagen und damit nicht 100-prozentig genau. Ein Beispiel: Bei der Projektion entscheiden sich 40 Prozent für eine Partei. Die Fehlertoleranz beträgt dabei rund +/- 3 Prozentpunkte. Das heißt, der Anteil dieser Partei bei allen Wahlberechtigten liegt zwischen 37 und 43 Prozent. Allerdings sind diese Werte nicht alle gleich wahrscheinlich. So ist die Wahrscheinlichkeit,  dass der gemessene Wert dem wahren Wert sehr nahe kommt, wesentlich größer als bei einem Wert am Rand des Fehlerintervalls.

https://www.zdf.de/politik/politbarometer/sb-material/methodik-100.html


Die Daten für das ZDF-Politikbarometer erhebt die Forschungsgruppe Wahlen. Sie versucht zu messen, wie sympathisch Wähler einen Politiker finden und was sie von seiner Leistung halten. Die Forscher fragen dafür »Was halten Sie von …?«, als Antwort können die Befragten einen Wert auf einer Skala von minus fünf bis plus fünf wählen. Die Forscher addieren die Werte; wer die höchste Summe erreicht, ist die Nummer eins.

Im Falle Robert Habecks antwortete die Mehrheit der Befragten, 51 Prozent, sie kenne diesen Menschen nicht. Die Forschungsgruppe macht, was sie in solchen Fällen immer macht: Sie nahm alle, die so geantwortet hatten, aus der Wertung. Habecks Note errechnet sich also nur aus dem Urteil derjenigen, die ihn kennen. Und weil diese ihn super fanden, wurde ein Mann, vom dem gut die Hälfte der Befragten noch nie gehört hat, beliebtester Politiker Deutschlands.

Cordula Meyer  |  DER SPIEGEL  |  Nr. 15/2019  |  06.04.2019  |  Seite 27


Priming durch Medien und der Einfluss auf Entscheidungstendenzen

Auch wenn Robert Habeck nicht der wichtigste oder der beliebteste Politiker ist, durch das Verbreiten der Nachricht/Behauptung wird über die Person gesprochen. Dadurch gewinnt die Person an Relevanz, die sie zuvor vielleicht nicht hatte. Das ist das Ziel.
Medien-Priming

Wikipedia:

Priming als Erweiterung des Agenda Setting-Ansatzes

Medien-Priming wird im Allgemeinen als eine Erweiterung des Agenda-Setting betrachtet.

Die Agenda-Setting-Hypothese geht davon aus, dass die Massenmedien über die Auswahl und Gewichtung der Themen, über die sie berichten, Einfluss darauf haben, worüber das Publikum nachdenkt und welche Themen ihm wichtig sind. Sie besagt, dass das Publikum die Themenagenda der Medien übernimmt. Der Effekt konnte zuverlässig nachgewiesen werden.

Im Unterschied zum Agenda-Setting-Effekt wird bei Studien über Medien-Priming allerdings nicht der kognitive Einfluss der Medienagenda auf die Medienkonsumenten untersucht, sondern der affektive Einfluss: die Veränderung von politischen Einstellungen und letztlich von Wahlentscheidungen.

Beide Ansätze gehen von der gleichen unabhängigen Variablen aus: Voraussetzung für die Untersuchungen ist die Bestimmung der Medienagenda. Während beim Agenda-Setting als abhängige Variable die Publikumsagenda gemessen wird, fragt das Medien-Priming nach dem Bewertungsmuster, nach dem das Publikum (zumeist) Politiker beurteilt. Der Priming-Ansatz geht davon aus, dass das Publikum bei der Beurteilung von Politikern auf Kriterien zurückgreift, die von den Medien, genauer: von der Medienagenda vorgegeben werden:

„By calling attention to some matters while ignoring others, television news influences the standards by which governments, presidents, policies, and candidates for public office are judged.“

Iyengar & Kinder: News that matters: television and American opinion. American politics and political economy, 1987

Anmerkung/Übersezung (skynetblog.de):
„Indem sie die Aufmerksamkeit auf einige Dinge lenken und andere ignorieren, beeinflussen Fernsehnachrichten die Standards, nach denen Regierungen, Präsidenten, Politik und Kandidaten für ein öffentliches Amt beurteilt werden.“

Dabei muss zwischen der Medienberichterstattung (unabhängige Variable) und den gemessenen (Wahl-) Entscheidungen (abhängige Variable) kein unmittelbarer Zusammenhang bestehen. So kann beispielsweise eine verstärkte Berichterstattung über umweltpolitische Themen selbst in fernen Regionen einen Priming-Effekt im eigenen Land hervorrufen und bewirken, dass Politiker verstärkt aufgrund ihrer umweltpolitischen Kompetenzen beurteilt und gewählt werden.

Die Forschung zum Medien-Priming setzte Mitte der 1980er Jahre ein. Die Medienwirkungsforschung hatte sich in den 70er und 80er Jahren unter dem Einfluss kognitiver Ansatzpunkte der Sozialpsychologie den Rezipientenmerkmalen geöffnet. Der bereits vorhandene und empirisch breit aufgestellte Agenda-Setting-Ansatz hatte allerdings für die Illustration des medialen Einflusses auf bestimmte Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster bei den Rezipienten nicht ausgereicht.

https://de.wikipedia.org/wiki/Medien-Priming

(Hervorhebungen: skynetblog.de)

 


Fun Fact …

Am 25.07.2019 berichtet zdf.de: Grünen-Chef Habeck gegen Rankings.

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/-ver-dieter-bohlisierung–gruenen-chef-habeck-gegen-rankings-100.html


Und die Karavane zieht weiter …

Am 27.09.2019 meldete das ZDF-Politbarometer:

Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, „kämen laut aktuellem ZDF-Politbarometer die Grünen auf einen neuen Bestwert und würden mit der Union gleichziehen“.

Screenshot 3. zdf.de (27.09.2019)

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/projektion-bundestagswahl-union-und-gruene-erstmals-gleichauf-100.html


Demokratieabgabe …

Na dann …


Beispiele für Multiplikatoren:

https://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Umfrage-Robert-Habeck-ist-beliebtester-Politiker-in-Deutschland

https://www.sueddeutsche.de/politik/wahlen-gruenen-chef-habeck-auf-platz-eins-der-wichtigsten-politiker-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-190328-99-577762

https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/parteien/id_85482098/zdf-politbarometer-umfrage-gruenen-chef-robert-habeck-ist-beliebtester-politiker.html

https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/zdf-politbarometer-sensations-platz-fuer-gruenen-chef-habeck-60913784.bild.html

https://www.welt.de/politik/deutschland/article190965799/Gruenen-Chef-Robert-Habeck-im-Politikerranking-erstmals-auf-Platz-eins.html

https://www.focus.de/politik/deutschland/zdf-politbarometer-gruenen-chef-beliebter-als-die-kanzlerin_id_10517519.html


Quellennachweise:

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Habeck

https://de.wikipedia.org/wiki/Medien-Priming


https://www.zdf.de/nachrichten/heute/sonntagsfrage-union-und-spd-verschlechtern-sich-100.html

https://www.zdf.de/politik/politbarometer/gruene-legen-stark-zu-spd-und-union-verlieren-100.html

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/projektion-bundestagswahl-union-und-gruene-erstmals-gleichauf-100.html

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/-ver-dieter-bohlisierung–gruenen-chef-habeck-gegen-rankings-100.html

https://www.zdf.de/politik/politbarometer/sb-material/methodik-100.html


https://www.spiegel.de/politik/deutschland/robert-habeck-laut-politbarometer-wichtigster-politiker-in-deutschland-a-1260077.html


Cordula Meyer  |  DER SPIEGEL  |  Nr. 15/2019  |  06.04.2019  |  Seite 27


 

 

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