[Studie] Nutzerverhalten in sozialen Netzwerken (Twitter 2016)

59% der Nutzer des sozialen Netzwerkes Twitter, lesen die Inhalte die sie mit anderen Nutzern teilen nicht. Damit werden nur noch die Schlagzeilen, also Frames verbreitet. Die Inhalte werden zu einer Nebensache, zu einem beliebigen Content. Es wird sichtbar, dass es den Nutzern wichtiger ist, DAS sie etwas teilen (Ich teile, also bin ich) und nicht mehr WAS sie mit anderen Teilen. Die Informationen, um die es bei Nachrichten gehen sollte, werden dabei nicht mehr wahrgenommen. Eine narzisstische Mediengesellschaft?

Columbia University

Wissenschaftler vom Data Science Institute der Columbia University haben in Zusammenarbeit mit dem Microsoft Research Inria Joint Centre (INRIA-MSR Joint Centre) am 13.04.2016 eine Studie veröffentlicht. Sie haben 2,8 Millionen Tweets und fünf Nachrichtenquellen (CNN, Huffington Post, Fox, New York Times und BBC) untersucht. Zusammengenommen waren es etwa 10 Millionen Klicks an insgesamt 30 Tagen.

Die “Menschen (Nutzer) sind eher bereit, einen Inhalt zu teilen, als ihn zu lesen”, so Arnaud Legouts [1], einer der Autoren der Studie.

“Dies ist typisch für den modernen Medienkonsum. Die Menschen bilden eine Meinung, die auf einer Zusammenfassung oder einer Zusammenfassung von Zusammenfassungen basiert, ohne die Anstrengung zu unternehmen, um tiefer zu gehen.” Arnaud Legouts [1]


Das Problem ist viel größer

“Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Teilen von Inhalten und das Lesen tatsächlich schlecht korreliert ist. […] Likes und Shares sind kein sinnvolles Maß an Content-Popularität. Das bedeutet, dass der (Industrie)Standard für die Popularität neu überdacht werden muss.” Arnaud Legouts [1]


Was können wir daraus schlussfolgern?

So wie das Selfie nicht den Menschen zeigen soll wie er ist, sondern wie er von anderen Menschen in der eigendarstellung wahrgenommen werden will, ist es sechs von zehn Nutzern bei Twitter wichtiger, dass sie etwas teilen als der Umstand, welche Inhalte sie teilen. Virtueller Fame?

Die Studie macht deutlich, wie schwierig es ist, Informationen zu verbreiten.
Wie können wir zum Beispiel über ungesunde Ernährung aufklären, wenn die Mehrheit der Leser die Artikel oder Warnungen nicht mehr lesen will, gleichzeitig aber eine große Reichweite für die Verbreitung einer Information simuliert wird?

Auf Basis der Reichweite könnte der Eindruck entstehen, viele Leser hätten eine andere Vorstellung von einer gesunden Ernährung bekommen oder die entsprechende Warnung erhalten. Vielleicht werden medizinische Kampagnen oder auch Wetterwarnungen vorschnell eingestellt. Wenn Wirkung und Reichweite nicht mehr übereinstimmen, welche Indikatoren benötigen wir dann als neue Bemessungsgrundlage (für den Fame)? Wie lassen sich mit Informationen verschiedene Vorurteile aufklären, wenn keiner diese Informationen lesen will?


Aber (die Studie) erinnert auch daran, dass populäre Nachrichtenplattformen wie Facebook und Twitter heute die wirkungsvollen Gatekeeper sind, die kontrollieren, was wir sehen und lesen. [1]


Was schreibt die taz?

Ich konnte die Wörter “Fake News” und “Verschwörungstheorie” in der Studie  der Columbia University nicht finden.
In einem Artikel der taz [2] über Falschmeldungen (Fake-/Hoax-News, Satireseiten und Clickbait) werden die Forschungsergebnisse dann in Verbindung mit Fake News gebracht, um die eigenen, einseitigen Ansichten zu beweisen. In dem Deutungsrahmen (Frame) der taz wird aus: “Dies ist typisch für den modernen Medienkonsum” ein sehr verkürztes Bild, etwa: das hilft “rechten Hetzern” und “Verschwörungstheoretikern”. (linke sind per se davon ausgenommen).

Untersucht wurden CNN, Huffington Post, Fox, New York Times und BBC.
Das sind keine rechten Seiten, auf denen Gehetzt wird oder auf denen Fake News und Verschwörungstheorien verbreitet werden. Somit ist es ein Problem, dass alle Nutzer dieser Medien betrifft.
Und die taz bedient nur die eigene Echokammer, wenn sie sich in der Überschrift auf die Studie bezieht und dann suggestiv schreibt:

Falschmeldungen im Netz – Teile und herrsche

Aufregung, Klick, geteilt: Die meisten Nutzer lesen nicht mehr als die Überschrift. So können sich Fake-News leicht verbreiten. Das hilft Hetzern.

(…) Rechte Gruppen nutzen die Viralität, die falsche Tatsachen über soziale Netzwerke erlangen können, für ihre Zwecke.

www.taz.de | 08.07.2016 | Robert Hofmann | Falschmeldungen im Netz [2]

Ja, das stimmt natürlich, das hilft auch Hetzern. Aber auch allen Anderen die wollen, dass bestimmte Informationen in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden.
Vermutlich freut sich der eine oder andere Politiker auch darüber, dass seine inhaltslosen Sprechblasen geteilt und verbreitet werden, aber nicht als solche erkannt werden (Fachkräftemangel, Alternativlos, Martin Schulz und der Gender Pay Gap). Auch so mancher Großkonzern findet es bestimmt super, dass die Leute zwar Artikel teilen, aber nicht mehr lesen. Und mache Tageszeitung dem Anschein nach auch.


Die Ergebnisse der Studie zeigen ein generelles Kommunikationsproblem auf. Sich nur auf einen Aspekt zu fokussieren und diesen dann auf (rechte) Hetze und Verschwörungstheorien herunterzubrechen ist bestimmt willkommen bei den Lesern der taz. Die Konzentration auf das sogenannte “Hate Speech”, blendet die eigentlichen, grundlegenden Probleme in unserer Kommunikation fast vollständig aus und erschwert dadurch deren Lösungen.


Quellennachweise:

Social Clicks: What and Who Gets Read on Twitter?
April 2016

Maksym Gabielkov
INRIA-MSR Joint Centre,
Columbia University
Arthi Ramachandran
Columbia University
Augustin Chaintreau
Columbia University
Arnaud Legout
INRIA-MSR Joint Centre
http://www-sop.inria.fr/members/Arnaud.Legout/
Social Clicks: What and Who Gets Read on Twitter?
MSR – INRIA – Microsoft Research – Inria Joint Centre
DIANA – Design, Implementation and Analysis of Networking Architectures
CRISAM – Inria Sophia Antipolis – Méditerranée
Columbia University [New York]

Microsoft Research Inria Joint Centre (INRIA-MSR Joint Centre)

https://www.inria.fr/en/


https://hal.inria.fr/hal-01281190/document


http://datascience.columbia.edu/new-study-highlights-power-crowd-transmit-news-twitter


Headlines statt Inhalte: 59 Prozent der User teilen Content ungelesen


Social Media: Wer teilt eigentlich Content und liest derjenige das überhaupt?


https://www.heise.de/tp/news/Die-21-des-Martin-Schulz-3807951.html


[1]
http://datascience.columbia.edu/new-study-highlights-power-crowd-transmit-news-twitter


[2]
Falschmeldungen im Netz | 08.07.2016 | Robert Hofmann |
http://www.taz.de/Falschmeldungen-im-Netz/!5319595/


 

 

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