[Zitat] Douglas Murray über das Verschwinden von privater Kommunikation

„(…) Einen Aspekt beschreibe ich in meinem Buch „Wahnsinn der Massen“ und zwar das Verschwinden von privater und öffentlicher Rede. Jetzt ist jede Rede immer und jederzeit potentiell für die ganze Welt. Unser ganzes Leben lang konnten wir, bis vor etwa zwei Jahren, noch zwischen privater und öffentlicher Kommunikation unterscheiden. Ein Zeitungsartikel zum Beispiel war öffentliche Kommunikation und eine Unterhaltung mit einem Freund eine private. Aber das Aufkommen der sozialen Medien hat das beschädigt, so dass jetzt eine vielleicht missglückte private Konversation eine Sache öffentlichen Interesses werden kann, sogar dann, wenn man eigentlich keine öffentliche Person ist.

Das ist eine sehr wichtige Veränderung für unsere Spezies in Sachen Kommunikation. Es bedeutet, dass Leute, die sich dessen sehr bewusst sind, besonders junge Leute, mittlerweile immer versuchen, so zu sprechen wie es ihrer Vorstellung nach von allen akzeptiert werden kann.

In diesem Kommunikationsprozess versuchen sie, ihrer Rede einen universellen Aspekt zu geben, der in Antirassismus, Antisexismus, Antihomophobie und vielem mehr besteht. Das basiert aber nicht auf Vereinbarungen. Das Ganze bleibt hochgradig widersprüchlich, sogar in sich selbst. Und es beruht auf einer unfassbar dürftigen Denkweise, die sich seit den späten siebziger Jahren in einem Teil der amerikanischen Universitäten herausgebildet hat und unter dem hässlichen Begriff Intersektionalismus firmiert. Dieser Intersektionalismus hat einiges zur Verfügung gestellt, auf das sich die modernen „Woke“-Aktivisten berufen.

Ich sollte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass eine ganze Reihe von Denkrichtungen eingeflossen sind. Eine davon ist eine Form des Vulgärmarxismus, besonders die Vorstellung, dass ein sinnvolles Leben aus zahllosen, endlosen Kämpfen gegen Unholde bestehen sollte, Unholde, die tatsächlich existieren, die aber in ihrer Bedeutung übertrieben werden müssen, um sich selbst als tapferer Krieger gegen sie präsentieren zu können.“

Douglas Murray


Quellennachweis:

Douglas Kear Murray (1979-),
britischer Autor, Publizist und Co-Direktor der Henry Jackson Society.

https://de.wikipedia.org/wiki/Douglas_Murray_(Autor)


Aus dem Interview „Tyranny of Woke“ vom 24.06.2020 mit Urs Gehriger, das in
„DIE WELTWOCHE“ erschienen ist.

https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2020-26/weltwoche-international/murray-die-weltwoche-ausgabe-26-2020.html


Frage:

Die Weltwoche: 
Diese Bewegung ist enorm dynamisch, aber eine Kernaussage ist schwer auszumachen. Sie scheint heterogen zu sein. Was sehen Sie als maßgeblichen Kräfte hinter dieser „Wokeness-Kultur“?

Douglas Murray:
„(…) Einen Aspekt beschreibe ich in meinem Buch „Wahnsinn der Massen“ und zwar das Verschwinden von privater und öffentlicher Rede. Jetzt ist jede Rede immer und jederzeit potentiell für die ganze Welt. Unser ganzes Leben lang konnten wir, bis vor etwa zwei Jahren, noch zwischen privater und öffentlicher Kommunikation unterscheiden. Ein Zeitungsartikel zum Beispiel war öffentliche Kommunikation und eine Unterhaltung mit einem Freund eine private. Aber das Aufkommen der sozialen Medien hat das beschädigt, so dass jetzt eine vielleicht missglückte private Konversation eine Sache öffentlichen Interesses werden kann, sogar dann, wenn man eigentlich keine öffentliche Person ist.

Das ist eine sehr wichtige Veränderung für unsere Spezies in Sachen Kommunikation. Es bedeutet, dass Leute, die sich dessen sehr bewusst sind, besonders junge Leute, mittlerweile immer versuchen, so zu sprechen wie es ihrer Vorstellung nach von allen akzeptiert werden kann.

In diesem Kommunikationsprozess versuchen sie, ihrer Rede einen universellen Aspekt zu geben, der in Antirassismus, Antisexismus, Antihomophobie und vielem mehr besteht. Das basiert aber nicht auf Vereinbarungen. Das Ganze bleibt hochgradig widersprüchlich, sogar in sich selbst. Und es beruht auf einer unfassbar dürftigen Denkweise, die sich seit den späten siebziger Jahren in einem Teil der amerikanischen Universitäten herausgebildet hat und unter dem hässlichen Begriff Intersektionalismus firmiert. Dieser Intersektionalismus hat einiges zur Verfügung gestellt, auf das sich die modernen „Woke“-Aktivisten berufen.

Ich sollte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass eine ganze Reihe von Denkrichtungen eingeflossen sind. Eine davon ist eine Form des Vulgärmarxismus, besonders die Vorstellung, dass ein sinnvolles Leben aus zahllosen, endlosen Kämpfen gegen Unholde bestehen sollte, Unholde, die tatsächlich existieren, die aber in ihrer Bedeutung übertrieben werden müssen, um sich selbst als tapferer Krieger gegen sie präsentieren zu können.“

 


engl. org.

There is an enormous dynamic behind the woke movement, but it’s hard to pin it down to one kind of core message. It seems very heterogenic. What do you see as the driving forces behind woke culture?

It’s several things. One is what I describe in my book, The Madness of Crowds: Gender, Race and Identity., the disappearance of private and public language. All speech is for the entire world, all the time, potentially. All of our existence, until the last two years as a species, we were able to have private communication and public communication. A piece in a newspaper, for instance, was a public communication, and a conversation with a friend was a private communication. But the advent of social media has broken that down so that a private conversation that goes wrong could be a matter of public interest even if you’re not a public figure.

This is a very important shift in communication for our species. It means that people who are super aware of this, especially young people, are always trying to speak in a way that is, they imagine, universally accepted and agreed upon.

In the process, there’s an attempt of something like a universal aspect, which is anti-racism, anti-sexism, anti-homophobia, and much more. It’s not agreed upon. It is highly contradictory and self-contradictory. And it relies on the incredibly thin form of thought that has emerged from a strain of American academia since about the late 1970’s — this very ugly term known as “inter-sectionalism.” This has done some of the work that the modern woke crowd relies on.

I should stress that there are quite a lot of streams of thought that have gone into this. One of them is a form of vulgar Marxism, essentially a sort of idea that if life is to be lived meaningfully, it should consist of a set of endless battles against demons which exist, but which you have to exaggerate the size of in order to present yourself as a valiant warrior against them.


Das Interview wurde aus dem Englischen von Joachim Winter übersetzt und ist am 10.08.2020 auf  www.tichyseinblick.de  erschienen.



Douglas Murray

Douglas Murray

Douglas Murray being interviewed on the Mark Steyn Show in 2019
Foto by Mark Steyn Show
CC BY-SA 3.0


Douglas Murray – Wahnsinn der Massen.
Wie Meinungsmache und Hysterie unsere Gesellschaft vergiften.

Edition Tichys Einblick im Finanzbuch Verlag (FBV)
352 Seiten
ISBN: 978-3-95972-290-2


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.