Der Mord an Patrice Lumumba (1925-1961)

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Heute, vor 55 Jahren am 17.Januar1961 wurde Patrice Lumumba ermordet.
Er wurde gefoltert, erschossen, seine Leiche zerstückelt und in Säure aufgelöst. Er war der erste, frei gewählte Ministerpräsident des Kongo. Wir wollen heute an Lumumba erinnern, weil es immer noch Menschen gibt die nicht wissen, oder nicht wahrhaben wollen, dass Geheimdienste in so unfassbare Verbrechen verstrickt sind. Die Geheimdienste sind nicht die Lösung der politischen und gesellschaftlichen Probleme.
Sie sind viel zu oft das Problem.

Diplomatie 2.0

Dabei sollten wir immer im Hinterkopf haben, dass die Geheimdienste nicht ein Fehler im System sind, sondern ein Teil eines fehlerhaften Systems. Sie Vernichten Beweise, Foltern, Lügen, Bestechen, Morden und sind an so ziemlich jedem vorstellbaren Verbrechen beteiligt. Seit Jahrzehnten. Die romantische Vorstellung von einem James Bond, der auszog um die Welt zu retten, ist auch nichts anderes als eine Phantasie. Und die muss auch in europäischen Köpfen vorhanden sein, damit notwendige Fragen nicht erst ins Bewusstsein vordringen, sondern gleich von Hollywood Vorstellungen überlagert werden.
Wer aber doch einmal hinschaut, wird erkennen, dass diese geheimdienstlichen Aktionen weniger Romantisch, sondern kalt und berechnend sind. Das zeigt der Mord an Mahmud al-Mabhuh, der von Überwachungskameras aufgezeichnet wurde und ein genaues Bild wiedergibt, wie so eine kommando Aktion ausgeführt wird. Zwischen 11 und 27 Personen sollen an dieser Aktion beteiligt gewesen sein. Mahmud al-Mabhuh war ein Waffenhändler und wurde 2010 in einem Hotel in Dubai ermordet.


Die belgische Regierung sah Lumumba als eine Gefahr an, da er als Sozialist die reichen Bergbau- und Plantagen-Gesellschaften verstaatlichen wollte. Der belgische Staat übte auf die Medien Druck aus, um das Image Lumumbas zu ruinieren. Die belgische Presse bezeichnete ihn als Kommunisten und Anti-Weißen, was er immer zurückwies. Eine deutsche Zeitungskarikatur bezeichnete Lumumba sogar als Negerpremier. Nach seinem Tod lautete der Titel einer belgischen Zeitung „der Tod des Satans“ (la mort de Satan).
Quelle: wikipedia


Patrice É. Lumumba CC-BY-license Collection IISG

Die UFA Wochenschau nannte Patrice Lumumba im September 1960 einen “Ultranationalisten” und unterstellte ihm ein “Kommunistisches Intrigenspiel”. Auch hier sind dieselben Muster zu erkennen, wie in so vielen anderen Fällen. Rufmordkampagnen sollen Glaubwürdigkeit und Ansehen in der Öffentlichkeit zerstören. Inmitten des kalten Krieges war es für niemanden von Vorteil, als Kommunist oder neuer “Lenin” dargestellt zu werden. Heute wird Edward Snowden für Terroranschläge mitverantwortlich gemacht, mit denen er absolut nichts zu tun hat. Durch seinen Geheimnisverrat wären Attentäter jetzt in der Lage, durch das Wissen um diese Informationen Anschläge auszuführen. Das ist nicht mehr als billigste Rhetorik. Rufmord, um sein Ansehen zu schaden. Es ist wichtig diese wiederkehrenden Muster zu erkennen und zu verstehen.


Es gab keine kongolesischen Offiziere. Im gesamten Staatsdienst waren nur drei Kongolesen in leitenden Positionen tätig, und landesweit gab es lediglich 30 Kongolesen mit akademischer Ausbildung. Dafür waren die belgischen und westlichen Interessen an den strategisch wichtigen Mineralressourcen des Kongo (Uran, Kupfer, Gold, Zinn, Cobalt, Diamanten, Mangan, Zink) umso größer. Hinzu kamen Agrarressourcen wie Baumwolle, Edelholz, Kautschuk und Palmöl. Die mit der Ausbeutung verbundenen immensen Investitionen auf wirtschaftlicher Ebene einerseits und die bewusste Vernachlässigung der menschlichen Ressourcen, des Bildungssystems und der sozialen Institutionen andererseits verschafften den Kolonialherren die Möglichkeit, das Land auch nach der Unabhängigkeit faktisch unter Kontrolle zu halten.
Quelle: wikipedia


Nach dem Mord an Patrice Lumumba veränderte sich das Leben im Kongo für die kongolesische Bevölkerung nicht zum besseren. Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga kam an die Macht und herrschte über 30 Jahre “in einer der längsten und korruptesten Diktaturen Afrikas”. Das aber störte die Westlichen “Demokratien” nicht im geringsten, denn Mobutu kooperierte mit dem Westen und verkaufte z. B. Kupfer um dafür Waffen einzukaufen.
Es darf also sehr wohl die Frage gestellt werden, wem dieser Staatsstreich genützt hatte. Hier soll auch noch einmal auf den Sturz von Mohammad Mossadegh 1953 und die darauf folgenden Ereignisse im Iran aufmerksam gemacht werden. An dem politischen Putsch im Iran waren MI6 und CIA beteiligt. Mossadegh wollte die Ölquellen des Iran verstaatlichen. Mustererkennung…


“Wir haben erfahren müssen, dass uns Land  geraubt wurde im Namen vorgeblich legaler Dokumente, die lediglich das Recht des Stärkeren zur Geltung brachten.”

“Wir werden der Welt zeigen, was Schwarze tun können, wenn sie in Freiheit arbeiten, und wir werden alles tun, damit das, was wir im Kongo leisten, auf ganz Afrika ausstrahlt. Wir werden dafür Sorge tragen, dass Äcker und Wälder unseres Vaterlandes tatsächlich seinen Kindern zugute kommen. Wir werden alle Gesetze von früher überprüfen und neue verabschieden, die gerecht und würdig sind.”

“Der Frieden, der in unserem Land herrschen soll, soll nicht mit Gewehren und Bajonetten gesichert werden, er soll vielmehr aus dem Herzen und aus dem guten Willen der Menschen  kommen.”

“Die Unabhängigkeit des Kongo ist ein entscheidender Schritt zur Befreiung des ganzen afrikanischen Kontinents.”

Auszüge aus der Rede von Patrice Lumumba zur Unabhängigkeit des Kongo am 30. Juni 1960. Die vollständige, absolut lesenswerte Rede von Patrice Lumumba finden Sie hier.


Wer schweigt, stimmt zu und alle anderen schauen weg.

Patrice Lumumba wurde ein Opfer der Geheimdienste. Ohne Ihre Zustimmung und Mitwirkung an dem Mord, wäre die Unabhängigkeit des Kongo anders verlaufen. An seiner Ermordung waren die belgische Regierung, der belgische Militärgeheimdienst und die CIA beteiligt. Nach 2013 kam an die Öffentlichkeit, dass auch der MI6 an dem Mord beteiligt war. Es sind immer die gleichen Muster, es sind immer die gleichen Täter. Patrice Lumumba war ein Hoffnungsträger für den Kongo, genauso wie Mohammad Mossadegh für den Iran.
Eine traurige Berühmtheit haben die Geschichten, um die Mordversuche an Fidel Castro erlangt. Explodierende und vergiftete Zigarren. Hier wird mit einem amüsanten Lächeln hingenommen, nicht hinterfragt und nicht reflektiert, dass ein politischer Gegner, ein Staatsoberhaupt eines Landes ermordet werden sollte. Aber wer macht sich eigentlich bewusst um was es dabei geht? Als wäre es Alltag. Hier sind Mordversuche zu urbanen Legenden verkommen. Sieht so der diplomatische Umgang mit unliebsamen Personen im wilden Westen aus? Augenscheinlich: JA.


Parallelen

Im NSA Untersuchungsausschuss wird klar, mit welcher Rechtsauffassung Millionenfach Grundrechte verletzt werden. Wurde dieses illegale Verfahren der Massenüberwachung eingestellt? Nein, im Gegenteil. Die Überwachung wird weiter ausgebaut.
Es gibt keinen Willen zur Aufklärung. Der Bürger müsste sich endlich eingestehen, was er nicht Wahrhaben will. Schon 1968 gab es in Deutschland Aktionen, wo nicht mehr klar war, was vom Staat oder seinen Diensten gesteuert wurde und was Teil der Protest Bewegung war.

Bei den allermeisten Demonstranten fehlt die Entschlossenheit, das Haus wirklich zu stürmen. Sie ziehen zur Ausfahrt der Druckerei, bauen dort Barrikaden, die von der Polizei beiseite geschoben werden. Peter Urbach, ein Agent Provocateur des Berliner Landesamtes für Verfassungsschutz, verteilt “Molotow-Cocktails” genannte kleine Brandbomben. Ein paar Militante greifen zu. Als sich die Lage gegen Mitternacht beruhigt, sind ein paar Springer-Fahrzeuge ausgebrannt, die meisten jedoch konnten mit Verspätung ihre Zeitungen ausliefern. Auf der “Bild” prangt die Schlagzeile: “Terror in Berlin!”
Quelle: spiegel.de


1985 sprengte der französische Auslandsgeheimdienstes Direction Générale de la Sécurité Extérieure (DGSE), die Rainbow Warrior der Umweltschutzorganisation Greenpeace im Hafen von Auckland (Neuseeland) mit zwei Bomben. Dabei ertrinkt der portugiesische Fotograf und zweifache Vater Fernando Pereira. Ziel der Rainbow Warrior war das Moruroa-Atoll, um dort „gegen französische Atomtests zu protestieren“.

20 Jahre nach der Versenkung der Rainbow Warrior, also Anfang Juli 2005, gab der damalige Geheimdienstchef Pierre Lacoste der Nachrichtenagentur AFP bekannt, dass die Versenkung bis in die französische Staatsspitze bekannt war; auch der französische Präsident François Mitterrand sei eingeweiht gewesen.

Die Verantwortlichen in der französischen Regierung wurden nie zur Rechenschaft gezogen.
Quelle:
wikipedia

Quelle: wikipedia
Quelle: www.greenpeace.de


Immer wenn ein Märtyrer geboren wird, stirbt ein Mensch.

Viel zu schnell vergessen wir, dass die Helden auch Menschen waren. Lumumba ebenso wie Snowden, Biko und all die anderen. Sie waren Söhne, Brüder, Väter, Ehemänner und Freunde. Das vergessen wir immer wieder, wenn wir die Lieder über sie hören und die Bücher lesen, die Filme sehen oder Blogeinträge über sie verfassen. Sie waren Menschen aus unserer Mitte und haben oft Familie hinterlassen. Edward Snowden ist mehr als nur ein Zeuge oder ein Whistleblower Und die Kinder von Patrice Lumumba kämpfen heute noch für Gerechtigkeit vor Gericht für den Mord an ihrem Vater. Das sollten wir niemals vergessen.


Was sind die Konsequenzen?

Was wir dringend benötigen, ist eine öffentliche Debatte über Macht und Ohnmacht, Wahn und Wahnsinn der Geheimdienste. Wir brauchen eine wissenschaftliche Analyse über die Effizienz von Abhörmaßnahmen und Vorratsdatenspeicherung, von kosten und nutzen der Dienste. Wir müssen dies Fordern, laut, klar und deutlich. Und immer wieder.
Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Eine eigene Meinung zu haben ist nichts wert, wenn wir sie nicht frei äußern.

In einer freien Welt müssen geheime Strukturen zwangsläufig Kontraproduktiv sein.
In einer freien Welt darf es keinen Mord im Staatsauftrag geben.

In einer freien Welt brauchen wir keine geheimen Dienste.


[Doku] Mord im Kolonialstil [WDR2000]

Thomas Giefer | Politische Morde: Mord im Kolonialstil | Convoi Film | WDR | 43:15min | 01.November2000 | Germany

 

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