[Studie] Die Griechen provozieren!

Für die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) der IG Metall, haben Prof. Dr. Kim Otto, Andreas Köhler (M.A.) und Kristin Baars (B.A.) die Studie “Die Griechen provozieren!” erstellt. In der Studie wurden die Nachrichtensendungen “Tagesschau” und “heute”, sowie die Sondersendungen “Brennpunkt” und “ZDF spezial” des Jahres 2015 analysiert und die Berichterstattung zur griechischen Staatsschuldenkrise in diesen Sendungen untersucht. Es wurden nicht ARD und ZDF Sendungen im Allgemeinen untersucht.

“Die Griechen provozieren!” ist die zweite Studie über die Berichterstattung im Zusammenhang mit der griechischen Staatsschuldenkrise von Prof. Dr. Kim Otto und Andreas Köhler. Im März 2016 veröffentlichten sie ihre Untersuchung Berichterstattung deutscher Medien in der griechischen Staatsschuldenkrise.

In zwei folgenden Teilen beschreibe ich die Kritik der Sender ARD und ZDF, die öffentlich in Presseerklärungen geäußert wurde. Ich habe die Sender angeschrieben und gefragt, mit welchen konkreten Zahlen sie ihre Kritik, die Studie hätte “methodische Mängel” begründen können. Die Antworten wären ein Fall für den ARD-Faktenfinder.

Teil 1. [Studie] Die Griechen provozieren!
Teil 2. ARD und ZDF – Die Kritik der kritisierten Sender
Teil 3. Die Berichterstattung der ARD über Donald Trump

“Die Griechen provozieren!”

Beide Untersuchungen, Berichterstattung deutscher Medien in der griechischen Staatsschuldenkrise” und “Die Griechen provozieren!” konnten zeigen, dass die Darstellung der Akteure nicht ausgewogen ist. Es wurde öfter über die griechische Regierung gesprochen als mit ihr und somit kam sie seltener zu Wort als die deutsche Regierung.

Ausgewogenheit
Die Darstellung der Akteure in der Berichterstattung war nicht ausgewogen:
  • Die griechische Regierung wurde in 67,3 Prozent der Beiträge gezeigt oder genannt, die deutsche Regierung nur in 41,6 Prozent der Beiträge. Die Nennung und Darstellung der Akteure war daher nicht gleichgewichtig und demnach auch nicht ausgewogen: Die griechische Regierung wurde häufiger gezeigt oder genannt.
  • Die griechische Regierung trat nur in 11,4 Prozent der Beiträge als Sender von Aussagen auf, in 41,5 Prozent der Beiträge wurden Aussagen über sie getroffen.
  • Der Anteil der griechischen Regierung an den O-Tönen lag gerade einmal bei 10,7 Prozent, der Anteil  der deutschen Regierung bei 23,8 Prozent. Das Auftreten der Akteure als O-TonGeber*innen war nicht ausgewogen: Die griechische Regierung kam deutlich seltener zu Wort als die deutsche Regierung.
    (Otto, Köhler, Baars, Die Griechen provozieren! September 2016, S.104)

“Mitglieder der griechischen Regierung waren also Berichterstattungsanlass, wurden häufig genannt und es wurden häufig Aussagen über sie getroffen ‒ sie selbst kamen aber kaum zu Wort. Es wurden häufiger Aussagen über sie verbreitet, als dass ihre Aussagen verbreitet wurden.”
(Otto, Köhler, März 2016, S. 73-74)


6.1 Ergebnisse für die gesamte Nachrichtenberichterstattung

Relevanz des Themas
Fazit: Der griechischen Staatsschuldenkrise wurde in allen untersuchten Sendungen Relevanz beigemessen.

Vielfalt
Fazit: Es wurden in den Beiträgen mehrheitlich vielfältige Akteure dargestellt, das Kriterium der Vielfalt wurde daher mehrheitlich erfüllt.
Ausgewogenheit
Fazit: Insgesamt war die Berichterstattung im Hinblick auf die griechische Regierung unausgewogen. Sie kam weniger zu Wort und wurde kritischer beurteilt als die deutsche Regierung.
Neutralität
Fazit: Berichte wurden in den untersuchten Nachrichtensendungen in jedem zehnten Fall für Wertungen genutzt. Damit wurde das Gebot der Neutralität in Berichten verletzt.
Analytische Qualität / Hintergrundberichterstattung
Fazit: In einem Großteil der Berichterstattung wurde keine Reform thematisiert. Insgesamt kann nur von einer eingeschränkten Hintergrundberichterstattung zur griechischen Staatsschuldenkrise gesprochen werden. Damit fehlte es der Berichterstattung zum Teil an analytischer Qualität.
(Otto, Köhler, Baars, Die Griechen provozieren! September 2016, S.103-106)

6.2 Vergleich der untersuchten Nachrichtensendungen

Relevanz des Themas
Fazit: Die Nachrichtensendungen „Tagesschau“ und „Brennpunkt“ der ARD berichteten in geringerem Ausmaß als die ZDF-Sendungen „heute“ und
„ZDF spezial“ über die griechische Staatsschuldenkrise.

Vielfalt
Fazit: In den Hauptnachrichtensendungen „Tagesschau“ und „heute“ kamen vielfältige Akteure in O-Tönen zu Wort. In den Sondersendungen „Brennpunkt“ und „ZDF spezial“ war die Vielfalt durch den Einsatz von Interviews eingeschränkt.
Ausgewogenheit
Fazit: Die Darstellung und Bewertung der griechischen und der deutschen Regierung in den Nachrichtenbeiträgen zur griechischen Staatsschuldenkrise war in allen untersuchten Sendungen unausgewogen. Die griechische Regierung wurde in allen Sendungen erheblich häufiger negativ bewertet als die deutsche Regierung.
Neutralität
Fazit: In allen untersuchten Sendungen wurde das Gebot der Neutralität verletzt, am stärksten in den Sondersendungen „Brennpunkt“ und „ZDF spezial“.
Analytische Qualität / Hintergrundberichterstattung
Fazit: Insgesamt kann nur von einer eingeschränkten Hintergrundberichterstattung der untersuchten Nachrichtensendungen zur griechischen Staatsschuldenkrise gesprochen werden. In einem großen Teil der Beiträge wurde keine konkrete Reform aufgegriffen und wenn, dann beschränkte sich die Berichterstattung auf wenige diskutierte Reformen. Damit fehlte es der Berichterstattung zum Teil an analytischer Qualität.

(Otto, Köhler, Baars, Die Griechen provozieren! September 2016, S.106-110)


6.3 Schlussfolgerungen

Die Journalist*innen der untersuchten Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben die an sie gestellten Qualitätsanforderungen also nur teilweise erfüllt. Die festgestellten Verletzungen zentraler Qualitätskriterien, wie Neutralität, Ausgewogenheit und Hintergrundberichterstattung, in der
Berichterstattung der Nachrichtensendungen zur griechischen Staatsschuldenkrise weisen auf Mängel in der journalistischen Professionalität hin. […]

Die Sondersendungen verletzten die Qualitätskriterien der Ausgewogenheit und der Neutralität stärker als die Hauptnachrichtensendungen. Als Konsequenz aus diesen Erkenntnissen sollten die öffentlich-rechtlichen Programme noch stärker darauf achten, die strengen Qualitätskriterien, die für die Hauptnachrichtensendungen gelten, auch auf die Sondersendungen anzuwenden. Die Trennung von Nachricht und Meinung muss konsequenter beachtet werden, insbesondere in Off-Texten von Berichten. […]
(Otto, Köhler, Baars, Die Griechen provozieren! September 2016,, S.106-110)


Kim Otto, Andreas Köhler und Kristin Baars
Die Griechen provozieren!
08.09.2016
Otto Brenner Stiftung – Arbeitsheft 87 [AH87]

Hier finden Sie die Studie von Kim Otto, Andreas Köhler und Kristin Baars als PDF Datei zum Herunterladen.

Weitere Informationen, eine Pressemeldung und Reaktionen in den Medien zu der Studie finden Sie auf der Internetseite der Otto Brenner Stiftung.

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