[Zitat] Victor Kravchenko über Menschen, die vergessen haben wie man singt

„Auf einem Schlachtfeld sterben die Menschen schnell, sie wehren sich, sie werden von ihrer Kameradschaft und ihrem Pflichtgefühl gestützt. Hier sah ich Menschen, die in Einsamkeit langsam und grausam starben, ohne den Vorwand, sich für eine Sache zu opfern. Sie waren gefangen und zum Verhungern zurückgelassen worden, jeder in seinem Haus, aufgrund einer politischen Entscheidung, die in einer fernen Hauptstadt an Konferenz- und Banketttischen getroffen wurde. (…)

Der schrecklichste Anblick waren die kleinen Kinder mit skelettierten Gliedmaßen, die aus ballonartigen Bäuchen baumelten. Der Hunger hatte jede Spur von Jugend aus ihren Gesichtern getilgt und sie in gequälte Wasserspeier verwandelt; nur in ihren Augen lag noch die Erinnerung an die Kindheit. Überall fanden wir Männer und Frauen auf dem Bauch liegend, mit aufgedunsenen Gesichtern und Bäuchen, die Augen völlig ausdruckslos. Auf der Rückfahrt ins Dorf überkam mich Wut. Mitten in der Hungersnot wird Butter ins Ausland geschickt! In London, Berlin, Paris sah ich vor meinem geistigen Auge Menschen, die Butter mit einem sowjetischen Markenzeichen aßen. „Sie müssen reich sein, um Butter verschicken zu können“, höre ich sie sagen. „Hier, Freunde, ist der Beweis für den Sozialismus in Aktion.“ Als ich durch die Felder fuhr, hörte ich nicht die schönen ukrainischen Lieder, die mir so am Herzen lagen. Diese Menschen hatten vergessen, wie man singt. Ich hörte nur noch das Stöhnen der Sterbenden und das Schmatzen der fetten Ausländer, die unsere Butter genießen…“

Victor Kravchenko

Quellennachweis:

Victor Kravchenko
Wiktor Andrejewitsch Krawtschenko (1905-1966),  sowjetischer Ingenieur, Handelsdiplomat und Autor. Victor Kravchenko (damals Mitglied der KPDSU) wurde für die Organisation und Sicherung der Ernte während der Hungersnot von 1933 in der Ukraine eingesetzt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wiktor_Andrejewitsch_Krawtschenko_(Diplomat)


Victor Kravchenko

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Aus dem Buch:

Victor Kravchenko
I Chose Freedom The Personal And Political Life Of. A Soviet Official
(New York: Charles Scribner’s Sons, 1946), 118, 122.

On a battlefield men die quickly, they fight back, they are sustained by fellowship and a sense of duty. Here I saw people dying in solitude by slow degrees, dying hideously, without the excuse of sacrifice for a cause. They had been trapped and left to starve, each in his home, by a political decision made in a far-off capital around conference and banquet tables. […] The most terrifying sights were the little children with skeleton limbs dangling from balloon – like abdomens. Starvation had wiped every trace of youth from their faces, turning them into tortured gargoyles; only in their eyes still lingered the reminder of childhood. Everywhere we found men and women lying prone, their faces and bellies bloated, their eyes utterly expressionless. Anger lashed my mind as I drove back to the village. Butter being sent abroad in the midst of the famine! In London, Berlin, Paris I could see with my mind’s eye people eating butter stamped with a Soviet trademark. “They must be rich to be able to send out butter,” I could hear them saying. “Here, friends, is the proof of socialism in action.” Driving through the fields, I did not hear the lovely Ukrainian songs so dear to my heart. These people had forgotten how to sing. I could hear only the groans of the dying, and the lip-smacking of fat foreigners enjoying our butter…

https://en.wikipedia.org/wiki/I_Chose_Freedom


englischer Text:

https://education.holodomor.ca/teaching-materials/quotations/


Deutsche Ausgabe:

Victor Kravchenko
Ich wählte die Freiheit (Das private und politische Leben eines Sowjetbeamten)
Zürich, Thomas-Verlag, 1947


Übersetzung: skynetblog.de


Anmerkung:

In Deutschland sind nicht nur immer noch auf vielen Demonstrationen die roten Fahnen der Kommunisten zu finden, sondern auch die Apologeten in den Redaktionen. Und der Parteichef der Linken, Bernd Riexinger (MdB) (…) sagt 2020: „Ich wollt‘ noch sagen, wir erschießen sie nicht [die Reichen, Anm. d. Red.], wir setzen sie schon für nützliche Arbeit ein.“ Auch dafür erntet er Beifall und Lacher aus dem Publikum. (welt.de)
War ja nur ein Spaß und hey, was soll schon schiefgehen?

 

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